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Rocko spinnt

Das letzte Königkind

Ich bin das letzte Königskind einer längst vergangenen Zeit.
Meine Reise dauert ewig, denn der Weg ist ziemlich weit.

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Antje schreibt

Wort zum Sonntag

Der Sonntag ist für mich der schönste Tag der Woche. Auch wenn er im Gegensatz zum Samstag den großen Nachteil hat, dass ihm bis zum nächsten Wochenende in der Regel kein weiterer freier Tag mehr folgt, ist und bleibt er dennoch mein absoluter Lieblingstag.

Habt Ihr nicht auch das Gefühl, dass sich die Welt an Sonntagen langsamer dreht? Es ist ruhiger draußen, es fahren weniger Autos, weniger Menschen sind unterwegs, die Geschäfte sind geschlossen, alles fühlt sich ein wenig an, wie in Watte gepackt. Zumindest empfinde ich das immer so und es gefällt mir. Ich mag diese Ruhe vor meiner Haustür und diese Ruhe in mir drin, die ich einfach nur an einem Sonntag haben kann.

Manchmal schaffen wir es, auch den Samstag zum Sonntag zu machen, aber meist ist am Samstag doch immer irgendetwas los. Es kommt Besuch, wir sind Besuch, es muss doch noch etwas eingekauft werden, auch wenn wir versuchen, das unter der Woche zu erledigen, wir gehen zum Yoga, weil wir am Freitagnachmittag den Hintern nicht mehr hoch gekriegt haben, ich gehe zum Sport, es ist irgendwo eine reizvolle Veranstaltung oder die Wohnung muss schlicht und ergreifend einfach mal wieder grundsaniert werden.

Der Sonntag dagegen ist meistens ein Alles-kann-nichts-muss-Tag. Ist das Wetter regnerisch, ist das Sofa und der Fernseher der beste Freund. Vielleicht wird eine Maschine Wäsche gewaschen, vielleicht ein Brot gebacken, vielleicht etwas gekocht, vielleicht wird aber auch gar nichts Produktives getan und es macht jeder von uns, wonach ihm gerade ist.

Heute war das Wetter zum Beispiel ein Traum. Es war knackekalt und die Sonne schien, was mich dazu motiviert hat, nach einem dreiviertel Jahr endlich mal wieder Laufen zu gehen. Meine Frau hat derweil Brot gebacken und Wäsche gewaschen. Wer von uns beiden da jetzt besser weggekommen ist, liegt definitiv im Auge des Betrachters. Ich war froh, den Arsch hochzubekommen, meine Frau vielleicht froh bei der Kälte nicht durch den Schloßpark rennen zu müssen. Mit dem Brotbacken war sie einfach mal dran und vor der Wäsche drücke ich mich ganz gerne, das gebe ich zu.

Am frühen Nachmittag waren wir dann noch ein gute Stunde spazieren, haben uns mal eine Ecke unseres Stadtteils angesehen, den wir noch gar nicht kannten und haben dabei einen neuen Weg entdeckt, der für zukünftige Sonntagsspaziergänge sicher öfters mal begangen wird. Immer nur durch den nahegelegenen Schloßpark zu laufen, ist auf die Dauer auch langweilig, zumal da an Sonntagen ein übermäßiges Begängnis herrscht, was unserem Bedürfnis nach Ruhe und Einsamkeit eher weniger entspricht.

Nach dem Spaziergang zu Hause angekommen, habe ich mir einen weißen Glühwein mit einem ordentlichen Schuß Rum gegönnt und mich damit in mein Zimmer verdrückt. Ja, ich habe ein eigenes Zimmer in unserem kleinen, neuen Häuschen. Neben Küche, Wohnzimmer, Schlafzimmer, Ankleidezimmer und Büro, wobei das kein Zimmer ist, sondern die Zwischenetage, fungiert ein weiteres Zimmer als Gästezimmer und mein Kreativzimmer. Hier ziehe ich mich zurück, wenn ich mal alleine sein möchte, wenn wir uns einfach mal aus dem Weg gehen müssen, wenn ich irgendetwas ausbrüte oder meine Frau mal wieder eine Phase hat, in der sie schnarcht, dass sich die Bodendielen biegen, was sie übrigens auch gerade unten auf dem Sofa tut, ich kann es hören.

Jeder, der eine langjährige Beziehung führt weiß, du kannst dich noch so sehr lieben, du gehst dir trotzdem irgendwann auf den Sack. Nun sind wir auch beide Personen, die gerne mal alleine sind, was nichts mit mangelnder Liebe zu tun hat, sondern mit Individualität. Und diese können wir in unserem neuen Haus wunderbar ausleben, im Gegensatz zur vorherigen Zwei-Zimmerwohnung, was unserer Beziehung, meiner Meinung nach, auch ganz gut tut.

In meinem Zimmer befindet sich ein Palettenbett. Meine ganze Jugend wollte ich immer ein Palettenbett haben, aber es kam nie dazu. Diesen Traum wollte und konnte ich hier verwirklichen. Eine Staffelei mit Maluntensielien, sowie eine Gitarre, ein E-Piano und diverse Dinge, die mir wichtig sind, befinden sich auch dort. Ich kann in diesem Zimmer machen, was ich will und es gestalten wie ich will. Hier hat alles Platz, was mir gefällt, aber meine Frau nur schwer ertragen kann, zum Beispiel die asiatische Winkekatze, Mad-Max-Möhre oder dieses Gemälde, ein Überbleibsel aus Kindertagen.

Irgendwie habe ich in Beziehung Individualität ein Defizit, welches sich aus verschiedenen Abschnitten meines Lebens zusammensetzt. In meinem Zimmer kann ich dieses Defizit kompensieren und ich bin meiner Frau, die manchmal bedauert kein eigenes Zimmer zu haben, sehr dankbar, dass sie mir das lässt. Wenn wir mal ehrlich sind: Wenn ich in meinem Zimmer bin, gehört ihr das gesamte Haus. Mein schlechtes Gewissen hält sich diesbezüglich in Grenzen. Dafür bleibt ihr ja auch die Winkekatze erspart.

Der heutige Sonntag war alles in allem ein voller Erfolg für mich und genau so, wie ein Sonntag meiner Meinung nach sein muss. Es war sonnig, ich habe den Tag sinnvoll genutzt, indem ich mich sportlich betätigt habe, wir zusammen einen Spaziergang gemacht und dazu noch unsere Ortskenntnis erweitert haben, ich für mich sein konnte, etwas geschrieben habe und das Abendessen bereits fertig auf uns wartet, weil gestern genug übrig geblieben ist, um heute nicht kochen zu müssen. Und obendrauf gab es einen weißen Glühwein mit einem ordentlichen Schuß Rum. Da bleibt eigentlich kaum ein Wunsch offen,… abgesehen von dem Wunsch, dass heute erst Samstag ist.

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Karl erzählt

Mein Name ist Lebowski, ich schreibe jetzt hier

Und wie ich das so schreibe, muss ich an Loriot und den Film Pappa ante Portas denken. »Mein Name ist Lohse, ich kaufe hier ein.« Ein Klassiker und immer wieder schön. Kennt von den jungen Leuten heutzutage vermutlich kaum noch jemand, befürchte ich. Früher hätte ich dazu Alte-Leute-Humor gesagt und nicht darüber lachen können. Heute finde ich es ausgesprochen amüsant. Das gibt mir echt zu denken.

»Alter, …«, Rocko sitzt da, mit leicht geöffnetem Mund und einem starren Gesichtsausdruck. Ich bin mir nicht sicher, ob er überhaupt atmet. Wenn man ihn nicht kennt, würde man ihn für debil halten. Oder erwarten, dass er kurz vor einem Schlaganfall steht. Ich allerdings kenne ihn und das schon verdammt lange. Er lässt eine übermäßig lange Pause, um dem, was noch kommt, das nötige Gewicht zu verleihen. Und ich weiß, dass er mal wieder eine total verrückte Idee hat, die uns vermutlich auf irgendeine Art und Weise in die Scheiße reiten wird.

Wir sitzen im Schabulski und trinken Bier. Ich schaue auf die Uhr und gähne demonstrativ gelangweilt, obwohl es noch früh ist und ich eben erst gekommen bin. Davon abgesehen schaue ich etwas streng, weil ich es hasse, mit Alter angeredet zu werden. Schon schlimm genug, dass meine Schüler damit jeden zweiten Satz einleiten.

Nach einer gefühlten Minuten, ich schätze es waren nichtmal zehn Sekunden, endet Rockos dramaturgische Pause. »… du solltest auch mal was schreiben.«

»Nenn mich nicht Alter. Das ist so… so… prollig. Außerdem klingt das aus dem Mund von so’nem alten Sack wie dir erst recht vollkommen daneben.«

»Duuu bist ein alter Sack, Karl, ein spießiger alter Sack. Wann hast du eigentlich aufgehört, durch die Unterbuchse zu atmen?«
»Nachdem ich gemerkt habe, dass ich durch Nase und Mund frischere Luft kriege, du Ochse.«

Ich gucke weiter streng, den Lehrerblick habe ich drauf, halte aber nicht lange durch, weil Rocko den tödlich Getroffenen gibt, seine Hände mit schmerzerfülltem Gesichtsausdruck auf eine imaginäre Schußverletzung in der Brust drückt und dabei röchelnd vom Barhocker rutscht. Filmreif.

Ich schaue mich um und bin erleichtert, dass das Schabulski noch so leer ist und abgesehen von Manni, der hinter der Theke gerade ein Weizenglas poliert, niemand etwas mitbekommen hat. Und Manni hat schon so viel gesehen, dass er sich fast über nichts mehr wundert, schon gar nicht über Rocko.

So sehr ich mich bemühe, es nicht zu tun, ich muss lachen. Ich kann nicht fassen, dass er mich mit dieser bescheuerten Nummer gekriegt hat. Rocko klettert wieder auf den Hocker, haut mit der flachen Hand triumphal auf die Theke und bestellt bei Manni zufrieden grinsend zwei Klare. Ich verspüre eine tiefe Zuneigung, aber auch den bohrenden Drang ihm eine reinzuhauen.

»Bei mir auf der Seite solltest du was schreiben.«
Rocko prostet mir zu.

»Schreiben, ich, auf deiner Seite? Ffffffffff… weiß nich’… und was überhaupt?«
Ich kippe den Schnaps in einem runter und mir wird angenehm warm.

»Unseren ganzen Scheiß, den wir so erlebt haben, zum Beispiel. Die ganze verrückte Zeit. Aus deiner Perspektive. Oder was nettes über Menschen. Sei der gute Bulle. Sei mein philanthropisches Gegengewicht.«

Ich habe Schlimmeres erwartet. Das klingt tatsächlich, als könne es Spaß machen und ungefährlich sein.

»Weißt Du, ich glaube, nein, ich weiß, dass das richtig gut wird. Deine Kurzgeschichten in Literatur waren früher immer der Knaller. Du hättest nie aufhören sollen zu schreiben. Ich hab immer gedacht, aus dir würde mal Schriftsteller werden.«

Das dachte ich damals auch, aber es kam einfach zu viel dazwischen und irgendwann passten sich die Träume dem Leben an, statt andersherum, wie es eigentlich sein sollte.

»Alter, komm schon, sag ja.«

Mir gefällt die Idee, hatte ich doch unlängst darüber nachgedacht, mal wieder etwas auf’s Papier zu bringen, zu gucken, ob ich es noch kann. Dann eben so. Warum nicht. Ich bin kurz versucht, ihn noch etwas betteln zu lassen, weil er mich schon wieder angealtert hat und weil mir seine Bemühungen auch irgendwie gefallen, beschließe dann aber, mir die Energie zu sparen. Die werde ich morgen in der Schule nämlich noch brauchen. Ausflug ins Berufsbildungszentrum. Das wird wieder ein Spaß. Ich bestelle noch zwei Schnäpse und verspüre den drängenden Wunsch, mich so richtig zu besaufen und morgen einfach krank zu machen. Rocko würde es tun.

»Ok, ich kann’s ja mal versuchen.«

»Geil, Alter! Das feiern wir!«

Während Rocko noch eine Runde bestellt, bete ich innerlich, dass aus dieser kleinen Mücke nicht doch irgendwann ein ausgewachsener Elefant wird. Und wenn, dann hoffentlich nur ein zahmer.