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Verrückt! Schlicht und ergreifend verrückt.

Da habe ich über Jahre Tagebuch geschrieben, damals noch so richtig, mit Stift und auf Papier, als das Wort Bloggen vermutlich noch gar nicht existent war, und über diesen einen Tag, diesen einen Augenblick, der mir mein ganzes restliches Leben so wichtig geblieben ist, der mich gewissermaßen hat überleben lassen, über diesen Tag habe ich nie etwas geschrieben? Kann das wirklich sein? Es gab immer mal Tage und Monate der Schreibflaute. Kann es tatsächlich sein, dass ich die wichtigste Erinnerung in meinem Leben nur auf die Innenwände meiner Hirnrinde gekritzelt habe?

Ich fasse es nicht und glaube es auch nicht, aber nach zweifachem Durchblättern der Tagebücher aus dem möglichen Zeitraum, habe ich nur einen Hinweis auf dieses Ereignis gefunden, aber nicht das Ereignis selbst. Das schmeckt mir ebensowenig wie der billige Whiskey, den ich dachte zu brauchen, um mit dem fertig zu werden, was mir auf der Suche in diesem Teil meines Lebens begegnen würde.

Tatsächlich ist mir beim Überfliegen schon so Einiges begegnet und was fast genauso schlimm ist, wie der verschwundene Tag, ist die Tatsache, dass ich mich an manche Ereignisse, die ich schriftlich festgehalten habe, gar nicht mehr erinnern kann. Nein, es ist nicht fast genauso schlimm, es ist weitaus schlimmer. Ich habe Momente zwischen uns vergessen, die wunderbar und unglaublich waren, die mir wichtig waren, die mein Lebensglück waren, die alles für mich waren. Jetzt lese ich davon, schlucke und kämpfe mit den Tränen, weil alles so herzzerreißend ist, aber ganz im Gegensatz zu diesem einen Moment, der unvergeßlich bleibt und nie auf Papier konserviert wurde, sind manche der auf Papier konservierten Momente einfach aus meiner Erinnerung verschwunden.

Es ist, als lese ich die Geschichte eines Anderen.

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Siebzehn Jahre, mein Gott.
Siebzehn Jahre waren einmal mein halbes Leben.
Eine Ewigkeit.

Eine Ewigkeit, die Du nicht mehr in Deinem Leben bist, aber unverrückbar immer noch in meinem. Meine Liebe klebt an der Erinnerung an Dich, wie ein Kaugummi auf dem Asphalt. Das kriegt man nicht mehr los. Wenn es da schon siebzehn Jahre klebt, klebt es da auch noch in hundert. Es sei denn, die ganze Straße verschwindet. Ich schätze, anders wird es mit der Liebe zu Dir auch nicht sein. Sie verschwindet dann, wenn ich verschwinde.

Es ist viel passiert in diesen siebzehn Jahren. Ich bin jetzt verheiratet. Du würdest sie mögen, da bin ich mir sicher. Sie, die ich erst ablehnte, aus Angst, ich könne sie verletzen. Sie fand ihren Weg in mein Herz und in meine Arme. Ich verletzte sie, wenn auch erst Jahre später und anders, als befürchtet. Ich verletzte uns beide, mit mir selbst. Unsere Liebe trägt es. Die Liebe zu Dir dagegen bohrt in regelmäßigen Abständen in den unverheilten Wunden und lacht. Hergeben möchte ich sie trotzdem nicht, denn sie ist neben dem Taschentuch alles, was ich von Dir besitze.

Dein Taschentuch, welches Du mir gabst, um meine Tränen trocknen zu können. Die Tränen, die ich weinte, weil ich den Moment nicht fassen konnte. Mittlerweile ist es nicht mehr im Kleiderschrank zwischen meiner Wäsche. Nicht mehr der selbe Ort, nicht mehr der selbe Kleiderschrank, nicht mehr die selbe Wäsche, nicht mehr das selbe Leben. Ich bewahre es in einer Kiste im Keller mit den reduzierten Zeugnissen unserer Vergangenheit.

Meine Seele kannte das Datum des heutigen Tages und brachte mir am Morgen unsere letzte Begegnung in den Sinn. Ich dagegen erfuhrt das Datum erst um die Mittagszeit, nach Erledigung der Hausordnung und dem Unterzeichnen des Reinigungsplanes.

Der letzte Blick in Deine Augen.
Die letze Berührung.
Deine Hand auf meinem Arm.
Abschied.
Für immer.

Damals hinter der Theaterbühne.

28. September 2011 (366)

Gestern vor vier Jahren geschrieben, vergessen, heute wiedergefunden. Diese Worte sollen jetzt zu ihrem Recht kommen, weil sie heute noch so wahr sind wie damals.

Fast drei Wochen ist es jetzt her, seit wir miteinander telefoniert haben – das erste Mal seit langem. Es war der zehnte September, der Tag an dem uns das Leben vor einem Jahr zusammenwarf. Du hast Dich über meinen Anruf gefreut. Nie habe ich ein Gespräch zwischen uns als so klar und unbeschwert empfunden. Du hast es mir leicht gemacht, so leicht, dass ich mich mal wieder gefragt habe, ob dieses Jahr mit Dir nur eine Illusion gewesen ist und ob ich mich so sehr in Dir getäuscht habe. Und wieder kann ich nur spekulieren, aber ich will nicht mehr spekulieren, ich muss nicht mehr spekulieren. Wahrscheinlich werde ich es niemals erfahren, so wie Du es auch nie erfahren hast … und das ist vollkommen in Ordnung.

Es war, was es war und es war nie etwas anderes. Es hat seinen Sinn erfüllt, mich aus den schwärzesten Zeiten zurück ins Leben geholt. Nur etwas mit der quälenden Gewalt einer unerfüllten Liebe war dessen mächtig. Es war wie eine Faust Gottes, die mich aus der Erde riß, aus dem Zustand des lebendig Begrabenseins, um mich schonungslos in das Licht der Sonne zu halten. Diese Liebe hat mich geheilt und kurz bevor alles dabei war, sich ins Gegenteil zu kehren, kam das Eigentlich, das Wahre, das Wirkliche. Ich wollte mich zwingen, es vorbei gehen zu lassen, wollte mich dagegen wehren, weil ich keine Ahnung mehr hatte, welche Gefühle in mir wem galten.

Gefühlsbandsalat auf ganzer Linie.

Ich den letzten drei Monaten hatte ich viel Zeit zum Nachdenken. Sie war nie die zweite Wahl und nie eine Alternative. Sie ist der Mensch, der zu mir passt, wie es kein anderer Mensch jemals tat.

„Evamaria – Du kannst aber auch Evi sagen“

Ich war sieben oder acht, als ich sie kennen lernte. Evi wohnte damals, zusammen mit ihrer Mutter, direkt neben meiner besten Freundin, die heute meine Schwester ist, aber das ist eine andere Geschichte. Bevor ich Evi kennen lernte, lernte ich allerdings erstmal Evis Nichte kennen, die aus Lüneburg kam und zu Besuch bei ihrer Tante war.

Ich weiß nicht mehr, welche Jahreszeit wir damals hatten, aber es war sonnig und warm und wir verbrachten den ganzen Tag im Garten, spielten Verstecken und was man in diesem Alter eben sonst so spielt. Am späten Nachmittag kam Evi, stellte sich mir als „Evamaria – Du kannst aber auch Evi sagen“ vor und spielte mit uns Fangen. Sie muss damals schon Mitte oder Ende Vierzig gewesen sein und ich war fasziniert von ihr. Eine erwachsene Frau, die sich auf die Ebene eines Kindes begeben konnte – das kannte ich bis dato nicht.

Nach diesem Nachmittag besuchte ich Evi auch weiterhin. So begann unsere Freundschaft und es war eine Freundschaft, trotz dieses großen Altersunterschiedes. Vielleicht lag es daran, dass ich schon in jungen Jahren viel gesehen hatte und ihr dagegen immer noch eine gewisse kindliche Unbeschwertheit anhaftete. Wir trafen uns irgendwo auf der Mitte. Evi nahm mich ernst, behandelte mich nicht wie ein Kind, vergaß dabei aber auch nicht, dass ich eines war. Sie ließ mich einfach sein und unterstütze mich beim Werden.

Ich grub ihren Garten um, half ihr beim Tapezieren und sie zeigte mir, wie man richtig schwarzen Tee trinkt und wie man richtig den Tisch deckt – „der Teelöffel kommt rechts neben die Tasse auf den Unterteller“. Sie war immer für mich da und das änderte sich auch nicht, als ich älter wurde. In ihrem Wohnzimmer klangen viele meiner Partynächte aus. Kam ich nachts aus der Stadt und sah bei ihr noch Licht, musste ich keine Scheu haben zu klingeln. Wir philosophierten über das Leben und niemand kannte und verstand die Geschichte um meine erste große Liebe so wie sie – all die Jahre. Niemand konnte so faszinierend aus dem Leben erzählen, wie sie.

Sie war es, die mir zu meinem achtzehnten Geburtstag ein Gedicht schrieb und es vor allen Gästen vortrug. Sie war es, die mir kurz nach Erhalt meines Führerscheins ihren Scirocco lieh und mir nicht den Kopf abriss, als ich ihn verbeult wieder brachte. Sie war es, die mit mir eine Reise nach Dresden, Berlin und Potsdam machte und vertrauensvoll neben mir auf dem Beifahrersitz schlief, obwohl ich den Scirocco verbeult hatte. Sie war es, die mich in meinem kleinen Einzimmerappartement in Köln besuchte und sich von mir ein Wochenende mein neues Leben zeigen ließ.

Sie war es, die den Löwenanteil dazu beigetragen hat, dass ich der Mensch werden durfte, der ich jetzt bin. Bei ihr kamen meine Finger zum ersten mal in Berührung mit einem Klavier und mein Geist mit den wesentlichen Dingen des Lebens. Lyrik, Literatur, Musik und Bedingungslosigkeit. Nur für Politik konnte sie mich nie begeistern, wenn sie es auch immer wieder versuchte. Dafür begeisterte sie mich umso mehr für halbtrockenen Sherry, den ich auch heute noch sehr gerne trinke. Oft denke ich dabei an Evi und an die vielen Nächte, die wir uns mit Gott, der Welt und Herrn Sandeman um die Ohren geschlagen haben.

Durch mein Leben in Köln wurde der Kontakt weniger, brach sogar fast gänzlich ab, und als ich vor bald drei Jahren wieder zurück nach Arnsberg kam, stand Evi kurz davor in eine Seniorenresidenz nach Lüneburg zu ziehen. Ich schob den Abschied ewig vor mir her, weil ich mich nicht mit der Tatsache auseinander setzen wollte, dass sie nun nicht mehr da sein würde, so wie sie es immer war und dass ich nie wieder mitten in der Nacht bei ihr würde klingeln können. Zwei Tage vor ihrem Umzug besuchte ich sie.

Der Abschied war kurz. Ich wollte ihr so viel sagen, aber mein Mund konnte die Worte nicht frei geben. Evi gab mir ihre neue Adresse und ich versprach ihr zu schreiben, aber habe es bis heute nicht getan. Heute werde ich es tun und ihr sagen, dass ich jedes Mal, aber auch wirklich jedes Mal beim Decken eines Kaffeetisches an sie denken muss – sobald ich den ersten Teelöffel rechts neben die Tasse auf den Unterteller lege.

© Antje Münch-Lieblang

Still (167)

Gestern. Der Tag an dem vor elf Jahren mein Handy klingelte, während ich mich in der Linie 5 auf dem Weg von der Arbeit nach Hause befand. Ich erhielt die Nachricht, dass Du am Vormittag für immer eingeschlafen bist. Meine Antwort war mechanisch, kurz und knapp. Ich steckte das Handy ein, hielt mich weiter an der Stange in der Bahn fest und ließ tonlos die Tränen laufen während ich den Schrei unterdrückte, der sich durch meine Lippen pressen wollte. Fremde Menschen sahen mich an.

An der Zielhaltestelle stieg ich aus und lief zu meiner Wohnung. Dort angekommen, warf ich die Tür hinter mir zu, fiel auf die Knie und entließ den unterdrückten Schrei hinaus in die 27 qm meiner kleinen Welt. Ich schrie, wie ich noch nie zuvor in meinem Leben geschrien hatte. Dann weinte ich, wie ich noch nie zuvor in meinem Leben geweint hatte. Ich weinte, bis sich der Schmerz in eine bis heute währende Taubheit wandelte.

Den Abend verbrachte ich mit Freunden in einem Lokal, denn ich wollte nicht alleine sein. Alles erschien mir so unwirklich. Ich wartete darauf, aus diesem Traum zu erwachen, wartete darauf, dass dieser dicke Schleier des Unbegreiflichen von mir abfiel, der mich und meinen Schmerz ummantelte und das Leben nur noch in verblassten Farben und dumpfen Tönen an mich heran ließ. Doch er fiel nicht von mir ab.

Zwei Tage später reiste ich in meine Heimatstadt, um mich für die folgenden zehn Jahre zusammen mit Dir unter die Erde zu legen. Jeden beliebigen Menschen in meinem Leben hätte ich geopfert, um Dich wieder bei mir zu haben. Mich selbst hätte ich geopfert, um Dich wieder am Leben zu wissen. Ich konnte Dir nie sagen, dass ich Dich liebe, aber ich weiß, dass Du es gewußt hast. Ich weiß nicht warum, aber irgendwie gehören wir beide wohl zusammen – diese, Deine Worte werde ich niemals vergessen, denn sie und das Taschentuch mit dem Du mir damals die Tränen getrocknet hast und welches immer noch im Kleiderschrank zwischen meiner Wäsche liegt, sind alles was ich jemals von Dir hatte und haben werde.

Mich noch in diesem Zustand befindend, begann ich vor etwas über einem Jahr hier zu schreiben. Auch jetzt noch fließen Tränen, während ich darüber schreibe – doch der Schleier ist endlich gefallen… und ich kann immer noch nicht glauben, was ich sehe, höre und fühle. Ich werde Dich nie vergessen und Du wirst immer einen großen Teil meines Herzens und meiner Seele einnehmen, aber nun bist Du dort tatsächlich nicht mehr alleine.

Tagesgedanken

Wenn ich mich mit dem Fahrrad zur Arbeit bewege, fahre ich immer an der Realschule vorbei. Heute hörte ich das Trillerpfeifengepfeife und Vuvuzelagetröte schon aus weiter Ferne. Nachdem an der Schule, an der ich zur Zeit arbeite, die Abiturienten am Mittwoch die Sau rauslassen durften, dürfen es heute die Zehnerklassen der Realschule und feiern feuchtfröhlich ihren Absch(l)uss. Mit feuchtfröhlich sind natürlich nicht nur die Wasserpistolen gemeint.

Ich bin auch zur Realschule gegangen. Mein Abschluss war 1994. Wahnsinn, sechzehn Jahre ist das jetzt her. Ich kann mich noch relativ gut daran erinnern. Wir haben die Schule in eine Art Tempel verwandelt und unseren damaligen Direktor zum Oberguru erklärt, auf einen Thron gesetzt und mit Fächern bewedelt. Nachdem wir die Schule ordentlich auf den Kopf gestellt hatten, die gesammelte Lehrer- und Schülerschaft ausreichend unter uns gelitten hatte, wurden die Feierlichkeiten traditionell auf der örtlichen Schlossruine weiter geführt, um da irgendwann rotzevoll auf der Wiese zu liegen oder mit dem Kopf in irgendeinem Gebüsch zu enden.

Wir fühlten uns ganz furchtbar erwachsen. Wenn ich mir heute die Schüler ansehe, die damals wir waren, merke ich, wie weit wir damals noch vom Erwachsenwerden entfernt waren und damit genau richtig lagen, auch wenn wir es nicht wussten. Wir haben das Leben problemlos auf die leichte Schulter genommen, machten uns alles einfach und sahen die Welt zu unseren Füßen liegen. Ehrlich gesagt, bin ich auch heute noch weit weg vom Erwachsenwerden, aber der Ernst des Lebens erinnert mich manchmal relativ unsanft daran, dass es nicht immer nur geradeaus geht wie früher, als man noch dachte, Lebensmittel wachsen im Kühlschrank der Eltern.