Sukkulent

»Was ist denn da passiert?«, Lebowski hat es sich auf dem Stuhl am Klavier gemütlich gemacht und zeigt auf den Boden unter dem Fenster, der aussieht, als habe ein Schwein in der Erde nach Trüffeln gewühlt.

»Das bin ich.«, mal schauen, ob er damit etwas anfangen kann.

»Du… ah, ja klar, jetzt sehe ich es auch.«, witzelt er und schlägt sich mit der Hand vor die Stirn. Na gut, er kann damit also nichts anfangen.

»Ich wollte heute Nacht frische Luft ins Zimmer lassen und habe nicht an den Kaktus auf der Fensterbank gedacht. Da liegt er nun und spiegelt mich.«, mir erscheint das alles ganz logisch. Lebowski schaut immer noch recht sparsam. Dabei sind wir doch sonst immer vollkommen auf einer Wellenlänge.

»Ok…«, sage ich ein wenig matt, weil ich elendig müde bin und gar keine Lust habe, mich zu erklären, »Der Kaktus hat eine Bruchlandung hingelegt und nun ist er entwurzelt, in der Mitte gebrochen und liegt da, in seinem ganzen Dreck. Genauso, Karl, fühle ich mich gerade, wie dieser Kaktus, weil das Leben meinte, es müsse mal gelüftet werden und ohne Rücksicht auf Verluste das Fenster aufgerissen hat. Und wie dieser Kaktus liege ich am Boden, entwurzelt und gebrochen, um mich herum ist nichts mehr, wie es mal war, während mir jegliche Leidensberechtigung abgesprochen wird.«, jetzt bin ich in Fahrt, »Als ob ich die Möglichkeit gehabt hätte, alldem zu entgehen. Das wäre, als würde ich dem Kaktus Vorwürfe machen, weil er auf der Fensterbank stand und weil er nicht in der Lage war, das Fenster zuzudrücken, als ich es öffnete. Niemand hat eine Ahnung, wie das letzte halbe Jahr für mich war, Karl, aber alle wissen es besser!«, vor lauter Wut und Verzweiflung kommen mir die Tränen, »Ich bin kein schlechter Mensch, Karl.«

»Es gibt keine schlechten Menschen, Rocko, es gibt nur schlechtes Essen. Und ich weiß, wie das letze halbe Jahr für dich war. Niemand war so dicht an dir dran, wie ich. Mir musst du nichts erklären.«, er malt eine liegende 8 in die täglich zunehmende Staubschicht auf dem Klavierdeckel. Ein Bett und ein Klavier im selben Raum ist einfach Mist, denke ich, während ich ihm dabei zusehe. Vielleicht sollte ich doch besser nach einer 2-Zimmer-Wohnung Ausschau halten.

»Natürlich muss ich dir nichts erklären. Naja, fast nichts. Das mit dem Kaktus gerade musste ich dir schließlich erklären. Keinen Schimmer, wie du da nicht drauf kommen konntest.«, ich versuche heiter zu klingen, aber es gelingt mir nicht. Geräuschvoll ziehe ich ein wenig Nasenrotz hoch und streichele den Kaktus, weil er mir leid tut, weil ich mir leid tue und weil ich mich schuldig fühle an unserem Zustand. Außerdem ist es ein bißchen so, als würde ich mich selbst streicheln und es tut mir gut.

»Mach ihnen keine Vorwürfe, weil sie das, was du erlebst, bisher nicht erlebt haben und sich deswegen nicht vorstellen können, wie es sich anfühlt. Du bist auch kein Musterschüler, mein Freund. Von allen Menschen in deinem Umfeld verurteilst du dich doch gerade am meisten und das, obwohl du es besser weißt. Hör auf, dich in dieser Rolle einzurichten, denn das bist nicht du. Der Kaktus braucht vielleicht jemanden, der ihn aufhebt und wieder in die Erde setzt, aber du hast es selbst in der Hand.«, Lebowski zieht eine Augenbraue hoch, seine Version des erhobenen Zeigefingers. Auf diese, in vielerlei Hinsicht, wirkungsvolle Eigenschaft war ich schon immer ausgesprochen neidisch. Meine Augenbrauen sind eigentlich eine einzige Augenbraue, die ich regelmäßig mit einer Pinzette in zwei verwandeln muss. Dann sehen sie zwar aus, wie zwei Augenbrauen, verhalten sich aber noch längst nicht so. Ich bin überzeugt davon, dass Frida Kahlos Monobraue in meinem Gesicht reinkarniert ist. Hätte ich doch auch mal ihr Talent.

»Der wird schon wieder, Kakteen sind zäh.«, tröstet mich Lebowski, während ich beginne, den unteren und wurzelbehafteten Teil meines stacheligen Freundes wieder in den Blumentopf zu stopfen und mit der herumliegende Erde zu befüllen, »Und du wirst auch wieder. Du bist auch zäh, Rocko. Irgendwann kommt der Tag, an dem ihr beide, dein Kaktus und du, wieder in eurer vollen Pracht zusammen aus dem Fenster schaut – vielleicht ein wenig vernarbter, aber dafür umso stärker und interessanter. Mal davon abgesehen, kenne ich bereits die Aussicht. Sie ist berauschend!«, er wirkt nahezu schwärmerisch und zwinkert mir zu.

»Du wirst mir wie immer nichts verraten, oder?«, als ob ich die Antwort auf Fragen dieser Art nicht schon unzählige Male gehört hätte.

»Ich wäre ein schlechter Lehrer, würde ich meinen Schülern die Lösungen ihrer Aufgaben verraten, statt ihnen den Lösungsweg zu vermitteln. Das sage ich dir aber auch nicht zum ersten Mal. Alles wird gut, Rocko. Am Ende wird immer aller gut.«

»Jaja… und wenn es noch nicht gut ist, ist es nicht das Ende. Bla bla bla…«, sage ich genervt und rolle übertrieben gekünstelt mit den Augen, weil Lebowski den alten, weisen Mann gibt, obwohl wir beide nur fünf Monate und drei Tage auseinander sind.

»Du hast es erfasst!«, er grinst und lässt sich von meinem Verhalten nicht aus seiner zen-artigen Ruhe bringen.

»Dein Wort in Gottes Ohr.«, sage ich. Und wie immer, wenn ich das sage, müssen wir beide lachen, weil es so herrlich absurd ist.

Der Kaktus | (c) Rocko Kakoschke
Der Kaktus | (c) Rocko Kakoschke

Irgendwo im Nirgendwo

Ich war dann mal weg, für ein paar Tage. Die Gedanken sortieren, das Herz in Kurzzeitpflege geben und dem geschriebenen Wort somit Zeit und Raum. Das unausgesprochene Wort der letzten neun Jahren forderte vehement sein Recht ein, aber das gesprochene Wort und ich hatten kürzlich so unsere Differenzen.

Nach dreißig handgeschriebenen Seiten am Stück, Fehlversuche nicht mitgezählt, erwartete ich zu meiner Seelenscheidenentzündung fast noch eine Sehnenscheidenentzündung, blieb aber davon verschont.

Gegen den Orkan, der nun in meinem Inneren tobt, kommt mir jedes Sturmtief der letzten Wochen vor, wie eine laue Frühlingsbrise.

Ich wünschte, ich könnte die Ausrede geltend machen, nichts dafür zu können, weil ich mir das alles nicht ausgesucht habe. Doch das kann ich nicht. Und jetzt marodiert meine übergroße Liebe rücksichtslos durch die Leben von uns allen.

Liebe sollte einfacher sein.

Gefühlsamok #5: Dieses verdammte Herz

»Und, bereust du es schon?«, Lebowski lehnt mit verschränkten Armen neben mir an der Wand und beäugt mich von der Seite, während ich meiner Frau aus dem Schlafzimmerfenster dabei zuschaue, wie sie im Garten irgendein Zwiebelgewächs in Töpfe pflanzt. Dabei redet sie mit der Nachbarkatze, die neben ihr in den alten Weinkisten herumturnt.

»Was meinst du, Karl?«, frage ich ihn, sehe ihn dabei aber nicht an, weil ich genau weiß, was er meint und er weiß, dass ich es weiß. Doch weil er mein bester Freund ist, spielt er das Spiel mit:
»Dass du dich nach über acht Jahren dazu entschlossen hast, sie wieder zu öffnen, deine persönliche Büchse der Pandora. Dass du ihn nach all den Jahren wieder frei gelassen hast, deinen rosafarbenen Flaschengeist.«

Das mit der Büchse der Pandora gefällt mir nicht. Es ist nichts Schlechtes an alldem. Wobei, die Geschichte mit der Hoffnung, die angeblich beim zweiten Öffnen entweicht, passt ja dann doch wieder irgendwie. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob Lebowski daran gedacht hat. Möglicherweise hat er es aber auch genau deswegen gesagt. Ich könnte ihn danach fragen, aber bin gedanklich schon beim rosafarbenen Flaschengeist. Das passt. Ich muss an die Bezaubernde Jeannie denken und unweigerlich lächeln.

»Bereust du es?«, Lebowski lässt nicht locker. »Rocko?«

Meine Frau sieht mich am Dachfenster und schüttelt den Kopf. Ich frage mich, ob sie das wegen mir und alldem oder wegen der Katze tut, die mittlerweile auf der obersten Kiste zwischen der sorgsam drapierten Dekoration thront und gähnt.

»Du willst es unbedingt von mir hören oder?«, ich schaue Lebowski an und sehe meinen Schmerz gespiegelt in seinen Augen. Das abgestorbene Lächeln trudelt schon längst dem Fußboden entgegen, wie der inhaltlose und vertrocknete Chitinpanzer eines toten Insekts.

»Nein, mein Freund«, sage ich leise, »ich bereue es nicht. Nicht eine Sekunde.«

Und während ich das sage, beschleicht mich das ungute Gefühl, dass ich es vielleicht irgendwann bereuen werde, auch wenn ich vom Bereuen grundsätzlich nichts halte.

Lebowski stellt sich hinter mich und legt seine Hände auf meine Schultern, wie es ein Vater vermutlich bei seinem Sohn tun würde. Ich finde es seltsam, aber lasse es zu, weil es sich gut anfühlt und weil er mein Freund ist, der nicht nur da ist, wenn es Bier gibt, sondern auch, wenn sich mein Innerstes anfühlt, wie ein Flächenbrand auf dem australischen Kontinent.

»Du hast gesagt, dass alles gut wird, Karl. Ich vertraue dir. Und ich weiß sehr wohl, dass das nicht zwingend bedeutet, dass alles so wird, wie ich es mir vorstelle. Vielleicht werde ich sie nun endgültig verlieren. Vielleicht verliere ich sogar beide. Aber, ich werde nie wieder mich selbst verlieren. Egal was kommt, ich werde es hinkriegen. Ich bin wie die Katze da«, sage ich weitaus entschlossener, als es sich anfühlt und deute mit einer leichten Kopfbewegung Richtung Garten, »ich falle immer wieder auf die Pfoten.«

»Falls du dir die Pfoten brichst oder gar den Hals, ich bin da.«, Lebowski klopft mir aufmunternd auf die linke Schulter, bevor er wortlos den Raum verlässt und kurze Zeit später wohl auch das Haus. Dafür, dass er so ein ausgewachsener Kerl ist, tut er das überraschend leise. Im Nachhinein kann ich mich nicht daran erinnern, weder seine Schritte auf der sonst so laut knarzenden Holztreppe wahrgenommen zu haben, noch die zufallende Haustür.

In der Küche steht immer noch das Frühstück auf dem Tisch und sieht mittlerweile aus, wie ich mich fühle, ziemlich beschissen. Ich habe sowieso keinen Appetit, obwohl der Vormittag schon lange hinter mir liegt. Zwischendurch vergesse ich einfach zu atmen und muss mich daran erinnern. Und wenn ich atme, fühlt es sich an, als bekomme ich trotzdem keine Luft, weil da neben dem ganzen Gefühl kein Platz mehr zu sein scheint.

Ich möchte mir das Herz aus der Brust reißen, weil ich mir vorstelle, dass der Schmerz, den so eine große und klaffenden Wunde verursacht, weitaus erträglicher sein muss, als der Schmerz, mit dem mich mein Herz gerade quält.
Dann fällt mir wieder ein, was Lebowski gesagt hat, kurz bevor er sich regelrecht in Luft auflöste. Den Hals werde ich mir wohl nicht brechen, aber vermutlich das Herz, denke ich, und dann wird mir plötzlich klar, dass er wohl genau das gemeint hat.

Dieses verdammte Herz, groß und schwer, wie ein gestrandeter Pottwal an der Küste ihrer Seele.