19 – Memento

Vor meinem eignen Tod ist mir nicht bang,
Nur vor dem Tode derer, die mir nah sind.
Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?

Allein im Nebel tast ich todentlang
Und laß mich willig in das Dunkel treiben.
Das Gehen schmerzt nicht halb so wie das Bleiben.

Der weiß es wohl, dem gleiches widerfuhr;
– Und die es trugen, mögen mir vergeben.
Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur,
Doch mit dem Tod der andern muß man leben.

Mascha Kaleko

That’s the way, aha, aha…

Gut, dann will ich mein Werk mal beginnen und die Leiden des jungen Kakoschke verfassen. Er hat es ja nicht anders gewollt und ihr und ich scheinbar auch nicht, denn sonst wären wir ja alle nicht hier. Trara, tätä und so weiter. Ich bin mir zwar noch nicht hundertprozentig sicher, ob ich das hier so wirklich will, denn vermutlich komme ich dabei auch nicht sonderlich glanzvoll weg. Andererseits habe ich den Anfang bereits gemacht und werde mich jetzt auch nicht drücken. Also los…

Rocko Kakoschke wurde in den siebziger Jahren in einem Dorf geboren, welches so klein war, dass es weder ein eigenes Ortsschild, noch eine eigene Kirche besaß. Dafür gab eine Kneipe, das Querschlag. Hier traf sich alles, was weder Rang noch Namen hatte – also fast jeder. Das Querschlag war sozusagen das Herz des Ortes, wenn es dort auch nicht immer herzlich zuging.

Es gab drei Nachnamen, die den Ort maßgeblich dominierten, was im Laufe mehrere Generationen dazu führte, dass es an Sonderlingen nicht mangelte, wenn ihr versteht, was ich meine. Die Gegend war damals noch bekannt für die Förderung von Steinkohle und an manchen Tagen, so schien es zumindest, fand mehr Leben unter Tage statt, als über der Erde. Dann gehörte das Dorf den Frauen und den Alten, aber vor allem uns Kindern.

Da Rocko auch nicht gerade der Norm entsprach, fiel er mir anfangs nicht auf. Unsere Familie war ebenso zugezogen, wie seine, aber nicht diese Gemeinsamkeit, sondern die Zuneigung zu der pummeligen Greta mit dem leichten Silberblick brachte uns zusammen, nachdem sie uns anfangs gegeneinander aufbrachte, weil wir uns nicht einig wurden, wem von uns sie die schönen Augen machte. Irgendwie sah es immer ein wenig so aus, als würde sie links an einem vorbeisehen, wenn sie mit einem sprach.

Die pummelige Greta mit dem Silberblick war zwei Klassen über uns und uns, betreffend des körperlichen und geistigen Wachstums, deutlich überlegen. Dennoch, jeder von uns beiden war überzeugt davon, der Auserwählte zu sein, derjenige, der irgendwann ran durfte, wenn wir uns auch noch nicht ganz im Klaren darüber waren, was Randürfen im Einzelnen beinhaltete. Der große Johannes mit dem Hinkefuß hatte da so gewisse Zeitschriften von seinem Vater… sagen wir mal… geliehen. Sein Vater war übrigens Bauer Brahms und neben dem Bürgermeister Uhlig die wohlhabendste Person im Ort. Naja, jedenfalls waren diese Zeitschriften sehr aufschlußreich, aber auch ebenso verwirrend. Meine Vorbereitungen fanden meistens vor dem Schlafengehen unter der Bettdecke statt, manchmal auch, wenn ich schon schlief, was mich noch mehr verwirrte, weil ich keinen Einfluss darauf hatte und nicht von der pummeligen Greta träumte, sondern von Fräulein Peters, unserer Lehrerin für den heimatkundlichen Deutschunterricht.

Rocko dagegen schien sich keine Platte zu machen. “Der Bessere möge gewinnen!”, sagte er. Wir rotzten uns in die Hand und schlugen ein, jeder für sich überzeugt, als Sieger aus diesem Duell hervorzugehen, platzend vor mit Überlegenheit überspielter Unsicherheit und einem Hauch von Mitleid für sein Gegenüber. Wir legten uns mächtig ins Zeug, um der pummeligen Greta zu gefallen, aber relativ bald nahm das Ganze ein dramatisches Ende. Wir beobachteten Greta dabei, wie sie heimlich, dachte sie zumindest, hinter dem Kuhstall von Bauer Brahms, am kleinen Johannes vom großen Johannes mit dem Hinkefuß herumleckte. Das Bild und das schmatzende Geräusch verfolgten mich noch lange in meinen Träumen, was den selben Effekt hatte, wie von Fräulein Peters zu träumen, allerdings weitaus verstörender war.

Das war der Beginn unserer bis heute andauernden Freundschaft. Wir fühlten uns von der pummeligen Greta mit dem Silberblick betrogen und ertranken unseren ersten Liebeskummer gemeinsam in einem verstaubten Einmachglas mit vergorenen Pflaumen, die Rocko aus dem Keller des leerstehenden und verfallenen Nachbarhauses gerettet hatte. Wir verkrochen uns damit im halb zugewachsenen Schuppen selbigen Hauses, teilten unseren Schatz wie Brüder, wichsten danach um die Wette, bis der Wundschmerz einsetzte und stellten uns dabei vor, wie Greta mit uns machte, was sie mit dem großen Johannes getan hatte. Wir fühlten uns verdammt männlich. Den gewaltigen Dünnschiss und die Bauchkrämpfe noch am selben Abend wird wohl keiner von uns beiden jemals vergessen. Da war es dann schlagartig vorbei mit der Männlichkeit.

Die Rosette brannte, der Pimmel beim Pinkeln auch, und wir haben geheult, wie die kleinen Kinder, an denen wir wesentlich näher dran waren, als an den Männern für die wir uns wenige Stunden zuvor noch gehalten hatten.