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Rocko spinnt

Gefühlsamok #5: Dieses verdammte Herz

»Und, bereust du es schon?«, Lebowski lehnt mit verschränkten Armen neben mir an der Wand und beäugt mich von der Seite, während ich meiner Frau aus dem Schlafzimmerfenster dabei zuschaue, wie sie im Garten irgendein Zwiebelgewächs in Töpfe pflanzt. Dabei redet sie mit der Nachbarkatze, die neben ihr in den alten Weinkisten herumturnt.

»Was meinst du, Karl?«, frage ich ihn, sehe ihn dabei aber nicht an, weil ich genau weiß, was er meint und er weiß, dass ich es weiß. Doch weil er mein bester Freund ist, spielt er das Spiel mit:
»Dass du dich nach über acht Jahren dazu entschlossen hast, sie wieder zu öffnen, deine persönliche Büchse der Pandora. Dass du ihn nach all den Jahren wieder frei gelassen hast, deinen rosafarbenen Flaschengeist.«

Das mit der Büchse der Pandora gefällt mir nicht. Es ist nichts Schlechtes an alldem. Wobei, die Geschichte mit der Hoffnung, die angeblich beim zweiten Öffnen entweicht, passt ja dann doch wieder irgendwie. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob Lebowski daran gedacht hat. Möglicherweise hat er es aber auch genau deswegen gesagt. Ich könnte ihn danach fragen, aber bin gedanklich schon beim rosafarbenen Flaschengeist. Das passt. Ich muss an die Bezaubernde Jeannie denken und unweigerlich lächeln.

»Bereust du es?«, Lebowski lässt nicht locker. »Rocko?«

Meine Frau sieht mich am Dachfenster und schüttelt den Kopf. Ich frage mich, ob sie das wegen mir und alldem oder wegen der Katze tut, die mittlerweile auf der obersten Kiste zwischen der sorgsam drapierten Dekoration thront und gähnt.

»Du willst es unbedingt von mir hören oder?«, ich schaue Lebowski an und sehe meinen Schmerz gespiegelt in seinen Augen. Das abgestorbene Lächeln trudelt schon längst dem Fußboden entgegen, wie der inhaltlose und vertrocknete Chitinpanzer eines toten Insekts.

»Nein, mein Freund«, sage ich leise, »ich bereue es nicht. Nicht eine Sekunde.«

Und während ich das sage, beschleicht mich das ungute Gefühl, dass ich es vielleicht irgendwann bereuen werde, auch wenn ich vom Bereuen grundsätzlich nichts halte.

Lebowski stellt sich hinter mich und legt seine Hände auf meine Schultern, wie es ein Vater vermutlich bei seinem Sohn tun würde. Ich finde es seltsam, aber lasse es zu, weil es sich gut anfühlt und weil er mein Freund ist, der nicht nur da ist, wenn es Bier gibt, sondern auch, wenn sich mein Innerstes anfühlt, wie ein Flächenbrand auf dem australischen Kontinent.

»Du hast gesagt, dass alles gut wird, Karl. Ich vertraue dir. Und ich weiß sehr wohl, dass das nicht zwingend bedeutet, dass alles so wird, wie ich es mir vorstelle. Vielleicht werde ich sie nun endgültig verlieren. Vielleicht verliere ich sogar beide. Aber, ich werde nie wieder mich selbst verlieren. Egal was kommt, ich werde es hinkriegen. Ich bin wie die Katze da«, sage ich weitaus entschlossener, als es sich anfühlt und deute mit einer leichten Kopfbewegung Richtung Garten, »ich falle immer wieder auf die Pfoten.«

»Falls du dir die Pfoten brichst oder gar den Hals, ich bin da.«, Lebowski klopft mir aufmunternd auf die linke Schulter, bevor er wortlos den Raum verlässt und kurze Zeit später wohl auch das Haus. Dafür, dass er so ein ausgewachsener Kerl ist, tut er das überraschend leise. Im Nachhinein kann ich mich nicht daran erinnern, weder seine Schritte auf der sonst so laut knarzenden Holztreppe wahrgenommen zu haben, noch die zufallende Haustür.

In der Küche steht immer noch das Frühstück auf dem Tisch und sieht mittlerweile aus, wie ich mich fühle, ziemlich beschissen. Ich habe sowieso keinen Appetit, obwohl der Vormittag schon lange hinter mir liegt. Zwischendurch vergesse ich einfach zu atmen und muss mich daran erinnern. Und wenn ich atme, fühlt es sich an, als bekomme ich trotzdem keine Luft, weil da neben dem ganzen Gefühl kein Platz mehr zu sein scheint.

Ich möchte mir das Herz aus der Brust reißen, weil ich mir vorstelle, dass der Schmerz, den so eine große und klaffenden Wunde verursacht, weitaus erträglicher sein muss, als der Schmerz, mit dem mich mein Herz gerade quält.
Dann fällt mir wieder ein, was Lebowski gesagt hat, kurz bevor er sich regelrecht in Luft auflöste. Den Hals werde ich mir wohl nicht brechen, aber vermutlich das Herz, denke ich, und dann wird mir plötzlich klar, dass er wohl genau das gemeint hat.

Dieses verdammte Herz, groß und schwer, wie ein gestrandeter Pottwal an der Küste ihrer Seele.

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Antje schreibt

Gestatten, Toastbrot!

Habe heute seit langer, langer Zeit mal wieder eine alte Freundin, eine ehemalige Lehrerin von mir, getroffen. Viel Neues erzählt und viel Altes wieder aufgewärmt. Wie das eben so läuft, wenn man sich Jahre nicht gesehen hat. Schön war’s, mal wieder zusammen im Lehrerzimmer meiner alten Schule zu sitzen und ein Tässchen Kaffee zu trinken. Wie früher! Doch da gibt es etwas, das mir nun ziemliches Kopfzerbrechen bereitet: Sie hat wohl ihrer Schwester von mir erzählt und diese sagte nur: »Ach Toastbrot…«, als sie meinen Namen hörte.

Ähm … watt!? TOASTBROT?!?

Ich habe ja früher viel Unsinn getrieben, war immer für einen Lacher gut, habe mit meinen verrückten Liedern und irgendwelchen selbst produzierten, radiosendungsmäßigen Musikkassetten, mein Umfeld teils belustigt, teils terrorisiert und hatte mehr Spitznamen, als Pipi Langstrumpf Vornamen, aber an den Namen Toastbrot kann ich mich ja nun überhaupt nicht erinnern und auch sonst nichts, was sich irgendwie mit schlabbrigen, viereckigen Weisbrotscheiben in Verbindung bringen lässt. Und das macht mich jetzt irre. Ich will’s wissen und zermarter mir das Hirn. Kennt Ihr das? Da ist was und man kommt um’s Verrecken nicht drauf. Wenn ich noch weiter grüble, raucht mir der Schädel und dann hab’ ich allenfalls Toastbrot auf den Schultern!

Mannomannomannomann!

Ich gehe jetzt mal die Hundfelle leer machen und Sauerstoff an meine gequälten Gehirnwindungen lassen, bevor ich mich hier zerdenke. Sicher werde ich diesem Rätsel noch auf die Sprünge kommen. Wenn ich die Antwort kenne, werde ich sie Euch nicht vorenthalten!

Vermutungen dürfen übrigens gerne angestellt werden! Vielleicht hilft’s ja …

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Antje schreibt

509

Kölner Dom | (c) Antje Lieblang
Kölner Dom | (c) Antje Lieblang

Früher, als ich Köln nur hin und wieder besuchte und noch nicht bewohnte, gehörte es bei jedem Besuch dazu, den Dom zu erklimmen. Es war mir gewissermaßen ein tiefes inneres Bedürfnis und ohne diesen Ausflug über die Dächer der Stadt, schien mir irgendetwas zu fehlen. Der Dom kam mir vor, wie ein guter Freund und ich hatte Freude daran, ihm ‘auf’s Dach zu steigen’ und bildete mir ein, er freue sich über meine Anwesenheit ebenso.

Daran erinnerte ich mich heute morgen, als ich im Nieselregen vor diesem imposanten Bauwerk stand. Seit fast zehn Jahren wohnst Du jetzt hier …, dachte ich so. Eine verdammt lange Zeit …, dachte ich so. Und dann wurde mir bewußt, dass ich die 509 Treppenstufen bis zur Domspitze, das letzte Mal betreten hatte, als ich Köln das letzte Mal besuchte. Es kam mir vor, als sei es gestern gewesen.

Zehn Jahre können vergehen, wie im Flug!, dachte ich und sah beschähmt zu Boden, … so wie man eben zu Boden sieht, wenn einem bewußt wird, dass man einen guten Freund vergessen hat.