HALTET DURCH!

Wie die Welt gerade ist, wissen wir ja alle. Ich denke, darüber muss ich nicht viele Worte verlieren. Meine freie Zeit verbringe ich aktuell mit ganz alltäglichen Dingen, die schon lange darauf gewartet haben, erledigt zu werden, aber auch mit sehr vielem Unsinn, den es teils auf Instagram zu sehen gibt.

Ich bekomme viel positives Feedback. Menschen haben Spaß an meinem Quatsch und das macht mir Freude, was mir wiederum die Kraft gibt, positiv in die Zukunft zu sehen. Danke dafür! Win-win, sozusagen.

Meiner Meinung nach, ist es aktuell sehr wichtig, die gute Laune aufrechtzuerhalten und nicht den Mut zu verlieren. Wenn wir alle ein wenig dazu beitragen, werden wir das Kind schon schaukeln.

Haltet durch, macht schöne Dinge und holt das Beste aus dieser Situation heraus. Wir schaffen das, da bin ich mir sicher!

Und jetzt ein neues Liedchen von mir, entstanden aus dem kürzlich verfassten Gedicht Gottvertrauen.

Mein Name ist Lebowski, ich schreibe jetzt hier

Und wie ich das so schreibe, muss ich an Loriot und den Film Pappa ante Portas denken. »Mein Name ist Lohse, ich kaufe hier ein.« Ein Klassiker und immer wieder schön. Kennt von den jungen Leuten heutzutage vermutlich kaum noch jemand, befürchte ich. Früher hätte ich dazu Alte-Leute-Humor gesagt und nicht darüber lachen können. Heute finde ich es ausgesprochen amüsant. Das gibt mir echt zu denken.

»Alter, …«, Rocko sitzt da, mit leicht geöffnetem Mund und einem starren Gesichtsausdruck. Ich bin mir nicht sicher, ob er überhaupt atmet. Wenn man ihn nicht kennt, würde man ihn für debil halten. Oder erwarten, dass er kurz vor einem Schlaganfall steht. Ich allerdings kenne ihn und das schon verdammt lange. Er lässt eine übermäßig lange Pause, um dem, was noch kommt, das nötige Gewicht zu verleihen. Und ich weiß, dass er mal wieder eine total verrückte Idee hat, die uns vermutlich auf irgendeine Art und Weise in die Scheiße reiten wird.

Wir sitzen im Schabulski und trinken Bier. Ich schaue auf die Uhr und gähne demonstrativ gelangweilt, obwohl es noch früh ist und ich eben erst gekommen bin. Davon abgesehen schaue ich etwas streng, weil ich es hasse, mit Alter angeredet zu werden. Schon schlimm genug, dass meine Schüler damit jeden zweiten Satz einleiten.

Nach einer gefühlten Minuten, ich schätze es waren nichtmal zehn Sekunden, endet Rockos dramaturgische Pause. »… du solltest auch mal was schreiben.«

»Nenn mich nicht Alter. Das ist so… so… prollig. Außerdem klingt das aus dem Mund von so’nem alten Sack wie dir erst recht vollkommen daneben.«

»Duuu bist ein alter Sack, Karl, ein spießiger alter Sack. Wann hast du eigentlich aufgehört, durch die Unterbuchse zu atmen?«
»Nachdem ich gemerkt habe, dass ich durch Nase und Mund frischere Luft kriege, du Ochse.«

Ich gucke weiter streng, den Lehrerblick habe ich drauf, halte aber nicht lange durch, weil Rocko den tödlich Getroffenen gibt, seine Hände mit schmerzerfülltem Gesichtsausdruck auf eine imaginäre Schußverletzung in der Brust drückt und dabei röchelnd vom Barhocker rutscht. Filmreif.

Ich schaue mich um und bin erleichtert, dass das Schabulski noch so leer ist und abgesehen von Manni, der hinter der Theke gerade ein Weizenglas poliert, niemand etwas mitbekommen hat. Und Manni hat schon so viel gesehen, dass er sich fast über nichts mehr wundert, schon gar nicht über Rocko.

So sehr ich mich bemühe, es nicht zu tun, ich muss lachen. Ich kann nicht fassen, dass er mich mit dieser bescheuerten Nummer gekriegt hat. Rocko klettert wieder auf den Hocker, haut mit der flachen Hand triumphal auf die Theke und bestellt bei Manni zufrieden grinsend zwei Klare. Ich verspüre eine tiefe Zuneigung, aber auch den bohrenden Drang ihm eine reinzuhauen.

»Bei mir auf der Seite solltest du was schreiben.«
Rocko prostet mir zu.

»Schreiben, ich, auf deiner Seite? Ffffffffff… weiß nich’… und was überhaupt?«
Ich kippe den Schnaps in einem runter und mir wird angenehm warm.

»Unseren ganzen Scheiß, den wir so erlebt haben, zum Beispiel. Die ganze verrückte Zeit. Aus deiner Perspektive. Oder was nettes über Menschen. Sei der gute Bulle. Sei mein philanthropisches Gegengewicht.«

Ich habe Schlimmeres erwartet. Das klingt tatsächlich, als könne es Spaß machen und ungefährlich sein.

»Weißt Du, ich glaube, nein, ich weiß, dass das richtig gut wird. Deine Kurzgeschichten in Literatur waren früher immer der Knaller. Du hättest nie aufhören sollen zu schreiben. Ich hab immer gedacht, aus dir würde mal Schriftsteller werden.«

Das dachte ich damals auch, aber es kam einfach zu viel dazwischen und irgendwann passten sich die Träume dem Leben an, statt andersherum, wie es eigentlich sein sollte.

»Alter, komm schon, sag ja.«

Mir gefällt die Idee, hatte ich doch unlängst darüber nachgedacht, mal wieder etwas auf’s Papier zu bringen, zu gucken, ob ich es noch kann. Dann eben so. Warum nicht. Ich bin kurz versucht, ihn noch etwas betteln zu lassen, weil er mich schon wieder angealtert hat und weil mir seine Bemühungen auch irgendwie gefallen, beschließe dann aber, mir die Energie zu sparen. Die werde ich morgen in der Schule nämlich noch brauchen. Ausflug ins Berufsbildungszentrum. Das wird wieder ein Spaß. Ich bestelle noch zwei Schnäpse und verspüre den drängenden Wunsch, mich so richtig zu besaufen und morgen einfach krank zu machen. Rocko würde es tun.

»Ok, ich kann’s ja mal versuchen.«

»Geil, Alter! Das feiern wir!«

Während Rocko noch eine Runde bestellt, bete ich innerlich, dass aus dieser kleinen Mücke nicht doch irgendwann ein ausgewachsener Elefant wird. Und wenn, dann hoffentlich nur ein zahmer.

Von der Mitte des Lebens und von einer geplanten Rebellion mit Reis, die niemals stattfand

Das muss sie sein, die berühmteste aller Lebenskrisen, die Krise unter den Krisen, die im mittleren Alter ganz urplötzlich zuschlägt.

Eine aller Wildheit entwachsene und beständige Beziehung, verlässliche Freunde, eine solide Arbeit mit ausreichendem monatlichen Einkommen, Haus, Auto, Urlaub mit gelegentlichen Reisen außerhalb Europas, nicht rundum gesund, aber auch noch nicht tot – alles gute Vorraussetzungen, damit es noch ein paar Jahrzehnte relativ problemlos so weiter geht, zumindest was die eben aufgezählten Faktoren angeht. Und das ist das Problem an der Problemlosigkeit. Es ist so verflucht absehbar.

Mein Körper wird nicht mehr jünger und was jetzt hängt, hängt morgen nur noch tiefer. Ich werde kein Pianist mehr, ich werde kein Künstler mehr, ich werde kein Schauspieler mehr, ich werde kein Frauenheld mehr, ich werde weder reich noch berühmt, ich wandere auch nicht mehr ins Ausland aus, ich schreibe wahrscheinlich nicht einmal mehr ein Buch, auch wenn das der einzige Traum ist, den ich noch nicht vollkommen aufgegeben habe.

Nichts von all dem was ich werden wollte bin ich geworden. Geworden bin ich stattdessen was ich niemals werden wollte. Langweilig und unsichtbar. Letzteres ist Fluch und Segen zugleich, aber das würde jetzt den Jammer-Rahmen sprengen.

Irgendwann hat das Außen das Innen altersmäßig überholt und was anfangs noch nicht ins Gewicht fiel, hat jetzt sichtbares Übergewicht. Die Altersdiskrepanz ist mittlerweile so groß, dass mein Körper großelterliche Gefühle für mein Innenleben hegt. Innen möchte ich noch die ganze Welt verändern, außen fällt es mir manchmal schon schwer, die Pyjamahose gegen eine Jogginghose zu tauschen.

„Genug war früher nie genug für mich. Heute ist mir nichts schon viel zu viel.“, singt Faber in einem seiner Lieder. Treffender könnte ich es gar nicht beschreiben.

„Das kann doch nicht alles sein!“, protestiert mein innerer Peter Pan und möchte losfliegen, während ich mich ächzend mit morgendlich steifen Gelenken treppabwärts Richtung Küche bewege, um mir einen weiteren Kaffee zu holen, obwohl mir mein Magen schon die erste Tasse nicht verzeiht. Ich bin noch kein Fünfzig und fühle mich bereits wie mindestens Siebzig. Das ist doch scheiße! Ich kann nur hoffen, dass der Graben zwischen meinem Körper und mir mit zunehmendem Alter geringer wird und nicht noch größer, denn sonst falle ich irgendwann hinein.

Gleich fahren wir in ein schwedisches Möbelhaus und kaufen Dinge, die wir gar nicht wirklich brauchen, um weiter einen Grund zu haben, uns über das viele Zeug zu beschweren, welches sich im Laufe der Zeit ansammelt. Dann werde ich dort etwas essen, obwohl ich keinen Hunger habe, damit ich auch weiterhin einen Grund habe, mich über das Fett zu beschweren, welches mir mehr und mehr die Sicht zu meinem Geschlechtsteil versperrt.

Vielleicht aber mache ich auch irgendwas total Verrücktes, springe in der Bettenabteilung von Matratze zu Matratze, ziehe mich im Badezimmer einer Musterwohnung aus und steige unter die Musterdusche (Mustertoiletten sind ja mittlerweile gesichert), bewerfe irgendjemanden mit Gemüsebällchen oder, jetzt wird es vollkommen absurd, wechsle einfach mal die Beilage, esse Reis statt der üblichen Pommes und stelle damit die Welt ein wenig auf den Kopf. Meine Welt zumindest, denn ich mag Pommes viel lieber als Reis. (Durch Reis verdiene ich zur Zeit meinen Lebensunterhalt und brauche in deshalb nicht auch noch in meiner Freizeit. Jetzt fragt ihr euch sicher alle, wo der liebe Rocko wohl arbeitet. Ich werdet es niemals erraten.) Wenn ich danach noch Energie habe, setze ich noch eins drauf und lasse einfach das Tablett mit dem schmutzigen Geschirr auf dem Tisch sehen. Die Rebellion des Rocko Kakoschke.

Eine Stunde später.

Wir sind nicht in besagtes Möbelhaus gefahren und haben stattdessen im Supermarkt gegenüber lauter Lebensmittel gekauft, die wir nicht brauchten, was irgendwie in die selbe Richtung geht, besonders bezüglich des Sichtverhältnisses zu meinem Geschlechtsteil. Essen, der Sex des Alters. Ist nicht nur ein Mythos, lasst es euch gesagt sein.

Der glatte Boden im Supermarkt animierte mich, durch den Süßigkeitengang zu schlittern. Und mit einer mißlungenen Pirouette wäre ich fast in das Schokoladenregal gekracht. Mission ungewollt erfüllt, würde ich sagen. Ich gebe zu, es wäre weitaus spektakulärer gewesen, wäre ich tatsächlich in das Schokoladenregal gekracht. Es ist also definitiv noch Luft nach oben, was den Richtungswechsel in meinem Leben angeht und somit scheinbar nicht vollkommen aussichtslos. Der Anfang ist gemacht. Vielleicht schreibe ich ja wirklich noch ein Buch.

Rocko rockt den Supermarkt des Lebens. Und ihr werdet alle dabei sein. Irgendwann.
Bis dahin passiert erstmal…

Oder zumindest nicht viel.