Schlagwort: Liebe

Erinnerungspartikel

Du lebst an jedem Ort dieser Welt, an dem ich Dich sah und an dem ich an Dich gedacht habe. Du lebst in jedem Menschen, der Dich kannte. Du lebst selbst in denen, die nur Deinen Namen genannt haben oder deren Namen Du genannt hast. Du lebst in jedem Musikstück, welches Du gehört, gesungen, gespielt und dirigiert hast, in jeder einzelnen Note, jedem einzelnen Takt. Du lebst in jedem Bild, das Dich zeigt und in jedem Gegenstand, den Du berührt hast. Du lebst in jedem Stückchen Weg, das Du beschritten hast. Du lebst in jedem Millimeter Himmel, den Du betrachtet hast, jedem Stern, den Du angesehen hast. Du lebst in jedem Wort, welches Du zu mir gesprochen hast und in jeder Berührung, die Du mir geschenkt hast. Du lebst in mir, um mich, in jedem meiner Atemzüge und Herzschläge – überall. Und mir scheint, als müsse ich nur all diese unzähligen Erinnerungspartikel zusammensuchen, die sich auf der ganzen Welt verteilt haben, um Dich wieder im Ganzen bei mir zu haben. Und ich würde es tun. Nur für eine Sekunde in Deinen Armen würde ich es tun. Selbst, wenn die Suche nach Dir mein ganzes Leben dauert.

10

Es ist nicht unsere Aufgabe,
einander näherzukommen,
so wenig wie Sonne und Mond
zueinanderkommen
oder Meer und Land.
Unser Ziel ist, einander zu erkennen
und einer im anderen das zu sehen
und ehren zu lernen, was er ist:
des anderen Gegenstück und Ergänzung.

Hermann Hesse – „Narziß und Goldmund“

Zombie

Bizarr und verzerrt. Du nicht ganz du, ich nicht ganz ich.
Ich nenne dich bei deinem Vornamen, ich tue es einfach. Ich finde, nach zwanzig Jahren in denen ich dir schmerzhaft meine uneingeschränkte Liebe geschenkt habe, steht mir das zu. Es spielt keine Rolle, dass du zehn Jahre davon bereits unter der Erde liegst. Ich liege mit dir dort. Als die ersten Erdklumpen auf deinen Sargdeckel prasselten, legte sich mein Inneres neben dein Äußeres. Und während meine Seele neben deinen verrotteten Knochen liegt, bewegt sich mein seelenloser Körper amoklaufend durch die Leben anderer.
Letzte Nacht fügten sich unsere Körper und unsere Seelen wieder zusammen – es war schön dich zu sehen. Ich spüre noch deine Haut, deine feuchtwarmen Haare, meine Hand auf deiner schweißnassen Stirn. Du warst betrunken und hattest diesen roten Pullover an. Du sagtest, ich würde versuchen, schöne Dinge zu sagen, aber es gelänge mir nicht.

Sag mir lieber, wie ich überlebe, während sich mal wieder schmerzliches Vermissen am Erwachen nährt.