Eingang

Wer du auch seist: am Abend tritt hinaus
aus deiner Stube, drin du alles weißt;
als letztes vor der Ferne liegt dein Haus:
wer du auch seist.
Mit deinen Augen, welche müde kaum
von der verbrauchten Schwelle sich befrein,
hebst du ganz langsam einen schwarzen Baum
und stellst ihn vor den Himmel: schlank, allein.
Und du hast die Welt gemacht. Und sie ist groß
und wie ein Wort, das noch im Schweigen reift.
Und wie dein Wille ihren Sinn begreift,
lassen sie deine Augen zärtlich los …

Rainer Maria Rilke

Durcheinander

Nicht nur der Tag
ist meine Nacht
und die Nacht
mein Tag.

Zurzeit
ist Unten auch oben
und Rechts ist links,
sowie Links gerade rechts ist.

Und zum guten Schluss
ist Innen außen
und Außen innen.

Mein Leben ist
spiegelverkehrt
und ich bin es auch.

Ich komme mir vor,
wie ein Tausend-Teile-Puzzle,
das man gerade auf dem
Fußboden ausgekippt hat.

09. Jan. 2009

© Antje Münch-Lieblang

Blumenkind

Blumenkind | (c) Antje Münch-Lieblang
Blumenkind | (c) Antje Münch-Lieblang

Ein Tag riecht
Wie ein halbes Leben
Zeit ist nicht mal
Ein Wort
Unendlichkeit
Scheint es zu geben
Die Zukunft
Noch ein ferner Ort

Und blicke ich
Zurück zu mir
Kann ich es gar nicht
Glauben
Erscheint mir dieses
Lange Streben
Nur wie ein kleines
Blumenleben

16. Mai 2009

© Antje Münch-Lieblang