Still (167)

Gestern. Der Tag an dem vor elf Jahren mein Handy klingelte, während ich mich in der Linie 5 auf dem Weg von der Arbeit nach Hause befand. Ich erhielt die Nachricht, dass Du am Vormittag für immer eingeschlafen bist. Meine Antwort war mechanisch, kurz und knapp. Ich steckte das Handy ein, hielt mich weiter an der Stange in der Bahn fest und ließ tonlos die Tränen laufen während ich den Schrei unterdrückte, der sich durch meine Lippen pressen wollte. Fremde Menschen sahen mich an.

An der Zielhaltestelle stieg ich aus und lief zu meiner Wohnung. Dort angekommen, warf ich die Tür hinter mir zu, fiel auf die Knie und entließ den unterdrückten Schrei hinaus in die 27 qm meiner kleinen Welt. Ich schrie, wie ich noch nie zuvor in meinem Leben geschrien hatte. Dann weinte ich, wie ich noch nie zuvor in meinem Leben geweint hatte. Ich weinte, bis sich der Schmerz in eine bis heute währende Taubheit wandelte.

Den Abend verbrachte ich mit Freunden in einem Lokal, denn ich wollte nicht alleine sein. Alles erschien mir so unwirklich. Ich wartete darauf, aus diesem Traum zu erwachen, wartete darauf, dass dieser dicke Schleier des Unbegreiflichen von mir abfiel, der mich und meinen Schmerz ummantelte und das Leben nur noch in verblassten Farben und dumpfen Tönen an mich heran ließ. Doch er fiel nicht von mir ab.

Zwei Tage später reiste ich in meine Heimatstadt, um mich für die folgenden zehn Jahre zusammen mit Dir unter die Erde zu legen. Jeden beliebigen Menschen in meinem Leben hätte ich geopfert, um Dich wieder bei mir zu haben. Mich selbst hätte ich geopfert, um Dich wieder am Leben zu wissen. Ich konnte Dir nie sagen, dass ich Dich liebe, aber ich weiß, dass Du es gewußt hast. Ich weiß nicht warum, aber irgendwie gehören wir beide wohl zusammen – diese, Deine Worte werde ich niemals vergessen, denn sie und das Taschentuch mit dem Du mir damals die Tränen getrocknet hast und welches immer noch im Kleiderschrank zwischen meiner Wäsche liegt, sind alles was ich jemals von Dir hatte und haben werde.

Mich noch in diesem Zustand befindend, begann ich vor etwas über einem Jahr hier zu schreiben. Auch jetzt noch fließen Tränen, während ich darüber schreibe – doch der Schleier ist endlich gefallen… und ich kann immer noch nicht glauben, was ich sehe, höre und fühle. Ich werde Dich nie vergessen und Du wirst immer einen großen Teil meines Herzens und meiner Seele einnehmen, aber nun bist Du dort tatsächlich nicht mehr alleine.

Tagesgedanken

Wenn ich mich mit dem Fahrrad zur Arbeit bewege, fahre ich immer an der Realschule vorbei. Heute hörte ich das Trillerpfeifengepfeife und Vuvuzelagetröte schon aus weiter Ferne. Nachdem an der Schule, an der ich zur Zeit arbeite, die Abiturienten am Mittwoch die Sau rauslassen durften, dürfen es heute die Zehnerklassen der Realschule und feiern feuchtfröhlich ihren Absch(l)uss. Mit feuchtfröhlich sind natürlich nicht nur die Wasserpistolen gemeint.

Ich bin auch zur Realschule gegangen. Mein Abschluss war 1994. Wahnsinn, sechzehn Jahre ist das jetzt her. Ich kann mich noch relativ gut daran erinnern. Wir haben die Schule in eine Art Tempel verwandelt und unseren damaligen Direktor zum Oberguru erklärt, auf einen Thron gesetzt und mit Fächern bewedelt. Nachdem wir die Schule ordentlich auf den Kopf gestellt hatten, die gesammelte Lehrer- und Schülerschaft ausreichend unter uns gelitten hatte, wurden die Feierlichkeiten traditionell auf der örtlichen Schlossruine weiter geführt, um da irgendwann rotzevoll auf der Wiese zu liegen oder mit dem Kopf in irgendeinem Gebüsch zu enden.

Wir fühlten uns ganz furchtbar erwachsen. Wenn ich mir heute die Schüler ansehe, die damals wir waren, merke ich, wie weit wir damals noch vom Erwachsenwerden entfernt waren und damit genau richtig lagen, auch wenn wir es nicht wussten. Wir haben das Leben problemlos auf die leichte Schulter genommen, machten uns alles einfach und sahen die Welt zu unseren Füßen liegen. Ehrlich gesagt, bin ich auch heute noch weit weg vom Erwachsenwerden, aber der Ernst des Lebens erinnert mich manchmal relativ unsanft daran, dass es nicht immer nur geradeaus geht wie früher, als man noch dachte, Lebensmittel wachsen im Kühlschrank der Eltern.

Erinnerungspartikel

Du lebst an jedem Ort dieser Welt, an dem ich Dich sah und an dem ich an Dich gedacht habe. Du lebst in jedem Menschen, der Dich kannte. Du lebst selbst in denen, die nur Deinen Namen genannt haben oder deren Namen Du genannt hast. Du lebst in jedem Musikstück, welches Du gehört, gesungen, gespielt und dirigiert hast, in jeder einzelnen Note, jedem einzelnen Takt. Du lebst in jedem Bild, das Dich zeigt und in jedem Gegenstand, den Du berührt hast. Du lebst in jedem Stückchen Weg, das Du beschritten hast. Du lebst in jedem Millimeter Himmel, den Du betrachtet hast, jedem Stern, den Du angesehen hast. Du lebst in jedem Wort, welches Du zu mir gesprochen hast und in jeder Berührung, die Du mir geschenkt hast. Du lebst in mir, um mich, in jedem meiner Atemzüge und Herzschläge – überall. Und mir scheint, als müsse ich nur all diese unzähligen Erinnerungspartikel zusammensuchen, die sich auf der ganzen Welt verteilt haben, um Dich wieder im Ganzen bei mir zu haben. Und ich würde es tun. Nur für eine Sekunde in Deinen Armen würde ich es tun. Selbst, wenn die Suche nach Dir mein ganzes Leben dauert.