Schlagwort: Leben

Wem gehört dieses Kaninchen in meinem Vorgarten? Und was ist eigentlich mit dem Mond los?

Fragen über Fragen. Glücklicherweise habe ich gerade ganz viel Zeit. Oder vielmehr, ich habe mir diese Zeit einfach genommen, weil sie mir nunmal gehört, meine Zeit.

Eine Zeit der Ruhe in einer Zeit des Sturmes.

Mein persönlicher Sturm ist glücklicherweise längst vorüber.
Für mich hat sich die peitschende und lebensbedrohliche See der letzten anderthalb Jahre zu einem friedvollen Stillgewässer geglättet. Das war ein unglaublicher Ritt, sage ich euch. Und selbst, wenn ich euch im Einzelnen davon erzählen wollen würde, ich könnte es mit Worten gar nicht annähernd wieder geben. Hatte ein bißchen was von Tod und Wiedergeburt. Phönix aus der Asche und so. Dieser ganze Scheiß eben. Mit dem Unterschied, dass es dieses Mal keine Jahre gedauert hat. Dieses Mal waren es nur wenige Monate Umweg auf dem Weg zu mir selbst. Irgendwann muss sich ja auch mal ein Fortschritt in der Entwicklung bemerkbar machen. Trotzdem habe ich mir danach erstmal an der Kopf gefasst und mich gefragt, wie oft ich mich denn noch in so eine Situation bringen muss, damit ich dauerhaft daraus lerne. Heute bin ich mir ziemlich sicher, dass es sich nur noch um eine kleine Auffrischung handelte und ich mit dem Thema jetzt ein für alle Mal durch bin.

Naja, jedenfalls ist bei mir jetzt erstmal volles Pfund Selbstfindungsmodus angesagt. Wurde nach über vierzig Jahren Irrungen und Wirrungen ja auch mal Zeit. Thema: Wer bin ich wirklich und wo geht meine Reise hin? Eine Ahnung davon habe ich zwar schon, aber irgendwie fehlt es dem Bild noch an der nötigen Schärfe, um eine klare Aussage machen zu können. Da müssen wir uns einfach noch ein wenig gedulden. Die grobe Reiseroute steht zumindest schon mal fest und das Fortbewegungsmittel auch. Manchmal fällt der Kopf dem Bauch noch ins Wort, aber das passiert zum Glück immer seltener. Es stellt sich nicht mehr die Frage ob und wie, sondern nur noch die Frage wann.

Wenn es darum geht, verknotete Lichterketten in Ordnung zu bringen, bin ich der geduldigste Mensch der Welt. Wenn es um mich und mein verknotetes Leben geht, eher nicht. Dann will ich alles am liebsten immer sofort. Wenn möglich, am besten schon gestern. Und so rutsche ich aufgeregt in meinem knallgelben Sessel hin und her – manchmal aus Respekt vor der ganzen Sache, manchmal vor lauter Ungeduld, weil ich es kaum noch erwarten kann, und manchmal auch einfach nur, weil mir der Arsch vom Sitzen wehtut. Nein, sonst habe ich tatsächlich gerade keine Probleme. Gönnt mir das ruhig mal!

Würde ich irgendwas anders machen, wenn ich die Gelegenheit hätte? Nein, das würde ich nicht. Vielleicht würde ich allenfalls in der Zeit zurück reisen, um mich selbst zu gegebenem Anlass in die Arme zu nehmen und mir zu sagen, dass ich keine Angst haben muss und alles gut werden wird, ganz egal, wie dunkel die Zeiten gerade erscheinen. Missen möchte ich diese dunklen Zeiten jedoch nicht, denn in diesen Phasen meines Lebens habe ich unfassbar viel gelernt, habe an Stärke und an Dankbarkeit gewonnen.

Das Leben ist momentan wirklich aufregend und unglaublich spannend, wenn man es schafft, zwischen den Zeilen des Weltgeschehens zu lesen, was nicht so einfach ist, das gebe ich zu. Auch ich habe eine Weile gebraucht, bis ich in der Lage war, meinen Blick zu fokussieren und aus der Angst herauszutreten. Alles ist im Umbruch, im Aufbruch, im Erwachen und in der Neuentstehung, und ich bin mittlerweile verdammt glücklich und mehr als dankbar, dass ich dabei sein darf. Ein paar holprige und chaotische Tage des Loslassens stehen uns noch bevor, um es mal nett auszudrücken, aber das gehört nunmal dazu – im Kleinen, wie im Großen. Eine Geburt ist eben kein Spaziergang, sondern schweißtreibend, schmerzhaft und blutig, um es den Tatsachen entsprechender auszudrücken.

Und bis es soweit ist, das Eine, wie das Andere, warte ich ab, trinke Tee, zur Zeit mit Vorliebe Kamillentee (natürlich nicht den fiesen Beuteltee), mache schöne Dinge, umgebe mich mit lieben Menschen und genieße vertrauensvoll, mit stetig wachsender Zuversicht, Aufregung und auch Verwunderung, das teils unterirdische und teils tiefgreifende „Unterhaltungsprogramm“, während ich parallel meine Träume nicht mehr nur träume, sondern sie auch endlich in die Hand nehme und an mein Herz drücke.

Quantentröpfchen für Quantentröpfen, bis zur großen Flut.

Sukkulent (3538)

»Was ist denn da passiert?«, Lebowski hat es sich auf dem Stuhl am Klavier gemütlich gemacht und zeigt auf den Boden unter dem Fenster, der aussieht, als habe ein Schwein in der Erde nach Trüffeln gewühlt.

»Das bin ich.«, mal schauen, ob er damit etwas anfangen kann.

»Du… ah, ja klar, jetzt sehe ich es auch.«, witzelt er und schlägt sich mit der Hand vor die Stirn. Na gut, er kann damit also nichts anfangen.

»Ich wollte heute Nacht frische Luft ins Zimmer lassen und habe nicht an den Kaktus auf der Fensterbank gedacht. Da liegt er nun und spiegelt mich.«, mir erscheint das alles ganz logisch. Lebowski schaut immer noch recht sparsam. Dabei sind wir doch sonst immer vollkommen auf einer Wellenlänge.

»Ok…«, sage ich ein wenig matt, weil ich elendig müde bin und gar keine Lust habe, mich zu erklären, »Der Kaktus hat eine Bruchlandung hingelegt und nun ist er entwurzelt, in der Mitte gebrochen und liegt da, in seinem ganzen Dreck. Genauso, Karl, fühle ich mich gerade, wie dieser Kaktus, weil das Leben meinte, es müsse mal gelüftet werden und ohne Rücksicht auf Verluste das Fenster aufgerissen hat. Und wie dieser Kaktus liege ich am Boden, entwurzelt und gebrochen, um mich herum ist nichts mehr, wie es mal war, während mir jegliche Leidensberechtigung abgesprochen wird.«, jetzt bin ich in Fahrt, »Als ob ich die Möglichkeit gehabt hätte, alldem zu entgehen. Das wäre, als würde ich dem Kaktus Vorwürfe machen, weil er auf der Fensterbank stand und weil er nicht in der Lage war, das Fenster zuzudrücken, als ich es öffnete. Niemand hat eine Ahnung, wie das letzte halbe Jahr für mich war, Karl, aber alle wissen es besser!«, vor lauter Wut und Verzweiflung kommen mir die Tränen, »Ich bin kein schlechter Mensch, Karl.«

»Es gibt keine schlechten Menschen, Rocko, es gibt nur schlechtes Bier. Und ich weiß, wie das letze halbe Jahr für dich war. Niemand war so dicht an dir dran, wie ich. Mir musst du nichts erklären.«, er malt eine liegende 8 in die täglich zunehmende Staubschicht auf dem Klavierdeckel. Ein Bett und ein Klavier im selben Raum ist einfach Mist, denke ich, während ich ihm dabei zusehe. Vielleicht sollte ich doch besser nach einer 2-Zimmer-Wohnung Ausschau halten.

»Natürlich muss ich dir nichts erklären. Naja, fast nichts. Das mit dem Kaktus gerade musste ich dir schließlich erklären. Keinen Schimmer, wie du da nicht drauf kommen konntest.«, ich versuche heiter zu klingen, aber es gelingt mir nicht. Geräuschvoll ziehe ich ein wenig Nasenrotz hoch und streichele den Kaktus, weil er mir leid tut, weil ich mir leid tue und weil ich mich schuldig fühle an unserem Zustand. Außerdem ist es ein bißchen so, als würde ich mich selbst streicheln und es tut mir gut.

»Mach ihnen keine Vorwürfe, weil sie das, was du erlebst, bisher nicht erlebt haben und sich deswegen nicht vorstellen können, wie es sich anfühlt. Du bist auch kein Musterschüler, mein Freund. Von allen Menschen in deinem Umfeld verurteilst du dich doch gerade am meisten und das, obwohl du es besser weißt. Hör auf, dich in dieser Rolle einzurichten, denn das bist nicht du. Der Kaktus braucht vielleicht jemanden, der ihn aufhebt und wieder in die Erde setzt, aber du hast es selbst in der Hand.«, Lebowski zieht eine Augenbraue hoch, seine Version des erhobenen Zeigefingers. Auf diese, in vielerlei Hinsicht, wirkungsvolle Eigenschaft war ich schon immer ausgesprochen neidisch. Meine Augenbrauen sind eigentlich eine einzige Augenbraue, die ich regelmäßig mit einer Pinzette in zwei verwandeln muss. Dann sehen sie zwar aus, wie zwei Augenbrauen, verhalten sich aber noch längst nicht so. Ich bin überzeugt davon, dass Frida Kahlos Monobraue in meinem Gesicht reinkarniert ist. Hätte ich doch auch mal ihr Talent.

»Der wird schon wieder, Kakteen sind zäh.«, tröstet mich Lebowski, während ich beginne, den unteren und wurzelbehafteten Teil meines stacheligen Freundes wieder in den Blumentopf zu stopfen und mit der herumliegende Erde zu befüllen, »Und du wirst auch wieder. Du bist auch zäh, Rocko. Irgendwann kommt der Tag, an dem ihr beide, dein Kaktus und du, wieder in eurer vollen Pracht zusammen aus dem Fenster schaut – vielleicht ein wenig vernarbter, aber dafür umso stärker und interessanter. Mal davon abgesehen, kenne ich bereits die Aussicht. Sie ist berauschend!«, er wirkt nahezu schwärmerisch und zwinkert mir zu.

»Du wirst mir wie immer nichts verraten, oder?«, als ob ich die Antwort auf Fragen dieser Art nicht schon unzählige Male gehört hätte.

»Ich wäre ein schlechter Lehrer, würde ich meinen Schülern die Lösungen ihrer Aufgaben verraten, statt ihnen den Lösungsweg zu vermitteln. Das sage ich dir aber auch nicht zum ersten Mal. Alles wird gut, Rocko. Am Ende wird immer aller gut.«

»Jaja… und wenn es noch nicht gut ist, ist es nicht das Ende. Bla bla bla…«, sage ich genervt und rolle übertrieben gekünstelt mit den Augen, weil Lebowski den alten, weisen Mann gibt, obwohl wir beide nur fünf Monate und drei Tage auseinander sind.

»Du hast es erfasst!«, er grinst und lässt sich von meinem Verhalten nicht aus seiner zen-artigen Ruhe bringen.

»Dein Wort in Gottes Ohr.«, sage ich. Und wie immer, wenn ich das sage, müssen wir beide lachen, weil es so herrlich absurd ist.

Zwischenwelten

Es beeindruckt mich, wie andere Menschen ihr Leben meistern. Ich möchte auch so sein. Einer von ihnen. Ich möchte auch morgens aufstehen und den Dingen mit Vorfreude, Angriffslust, Motivation und Verantwortungsbewusstsein gegenüberstehen, um dann abends zufrieden ins Bett zu fallen, mit dem Gefühl, etwas erreicht zu haben. 

Zeitverschwendung ist mir zuwider, und dennoch mache ich mit meinem Leben nichts anderes, als es zum Fenster herauszuwerfen. Meine Tage sind leere Tage, weil ich nicht mehr in der Lage bin, sie mit Sinn zu füllen. Abends möchte mir der Kopf explodieren, voll von der ganzen Leere, die er den ganzen Tag in sich aufgesogen hat. Manchmal muss ich ihn dann gegen die Wand schlagen, damit diese Leere sich in Schmerzen wandelt und mich nicht wahnsinnig macht. Zudem gibt mir der Schmerz das Gefühl, noch nicht tot zu sein.

Ich habe mich rückentwickelt. Das Lesen fällt mir schwer, denn die Konzentrationsfähigkeit ist verkümmert. Das Sprechen versuche ich zu vermeiden, weil die Worte, die ich irgendwann einmal gekannt habe, sich irgendwo in meinem Kopf verloren haben und sich in meinem Mund einfach nicht mehr bilden möchten. Mein Leben ist zurzeit wie ein Unfall. Ich bin Opfer, Sanitäter und Gaffer in einer Person. Während ich mir selbst im Weg stehe und mich daran hindere, mein Leben zu retten, sehe ich mir beim Verbluten zu.

Das Tragische an dieser Situation ist, dass sich etwas in mir weder für das Leben noch den Tod entscheiden kann. So dämmert mein Bewusstsein irgendwo dazwischen in einem halbkomaähnlichen Zustand dahin. Zu wach, um für immer einzuschlafen und zu schwach, um die Augen zu öffnen und mich aus dem ewigen Sterbezustand zu befreien. Ein Teufelskreis. Wenn ich mich doch nur für eine der beiden Seiten entscheiden könnte. Der Tod wäre ein erstrebenswerter Zustand, erscheint er mir doch zum jetzigen Zeitpunkt weitaus lebenswert, als das Leben mit all seinen Hindernissen, Schwierigkeiten und Entscheidungen, die es zu überwinden und zu treffen gilt.

Wenn ich groß bin, werde ich Tierärztin. Jetzt bin ich groß, aber geworden bin ich nichts, außer einem übergewichtigen Klumpen Fleisch irgendwo zwischen Selbstverliebtheit und einem Brechreiz beim eigenen Anblick im Spiegel, der mir auf qualvolle Art und Weise aufzeigt, was ich in meinem Leben bereits erreicht habe: nichts. Die Selbstverliebtheit wird zum Selbstmitleid. Manchmal denke ich, mein Gott hat mich verlassen, wie eine Ratte das sinkende Schiff. Dabei weiß ich, dass eigentlich ich ihn verlassen habe, wie ein Spielzeug, an dem man kein Vergnügen mehr hat, oder wie ein Kleidungsstück, das einem nicht mehr passt.

Manchmal zwinkert er mir zu und manchmal lässt er mich spüren, wie traurig er ist, um mir zu zeigen, dass er noch da ist. Früher haben wir viel miteinander geredet, ich mit Worten und er mit kleinen Wundern. Heute ist es nur noch er, der mir hin und wieder eine kleine Aufmerksamkeit schenkt, damit ich mich an ihn erinnere. 

Ich kann nicht leugnen, dass ich denselben Fehler gemacht habe wie die Mehrheit meiner Artgenossen. Den Verlust meines Lebenssinns schrieb ich auf seine Karte. Schließlich ist der Sinn des Lebens eine kostbare Habe. Die wenigsten finden ihn. Doch schmerzhafter, als den Sinn des Lebens niemals zu finden, ist, ihn vermeintlich gefunden zu haben und ihn dann wieder zu verlieren. Mit dem Gedanken, dass das, was ich dafür hielt, vielleicht gar nicht der Sinn meines Lebens war, konnte ich mich bis heute nicht anfreunden. 

Sicher liegt hier der Hund begraben. Es ist einfacher, ihn unter der Erde vergammeln zu lassen, als ihn auszubuddeln und ihn ausgestopft in die Wohnzimmerecke zu stellen. Es ist einfacher und es ist sicherer. Unsicherheit macht mir Angst. Das Leben macht mir Angst. Die Menschen machen mir Angst. Ich selbst mache mir Angst. Die größte Angst macht mir die Angst selbst. Es ist einfacher, mich in meine Höhle zurückzuziehen und mich der fortwährenden Rückentwicklung auszuliefern. Lieber sicher in der Dunkelheit meiner wachsenden geistigen Armut, als draußen von Auseinandersetzungen, Entscheidungen und der Angst vor alledem gefressen zu werden.

Manchmal möchte etwas in mir den Kampf antreten gegen das, was sich meines Verstandes und meines Lebenswillens bemächtigt hat. Aber mir fehlt einfach die Kraft dazu. Vielleicht habe ich auch einfach noch nicht die richtigen Waffen gefunden.