S.

Während meiner Zeit in Indonesien schriebst Du mir eine Nachricht.

Wie es Dich freut, dass ich glücklich zu sein scheine, Du meine Beiträge verfolgst, ich das alles verdient habe und Du es mir von ganzem Herzen gönnst.

Ich war überglücklich über Deine Nachricht nach all den Jahren, antwortete Dir, dass ich gerade unterwegs sei und vertröstete Dich auf später. Ich wollte Dir schreiben, aber hatte Dir so unendlich viel zu erzählen, dass ich es ewig vor mir her schob. Ich wartete auf den richtigen Moment, die Muße, um die letzten Jahre zusammenzufassen, das Leben, welches mehr ein Über-Leben ist. Glück ja, aber immer wieder hart erkämpft. Wenn sich Steine auf die Seele legen, ist die Schwerkraft der größte Feind.

Tag um Tag verging. Woche um Woche. Monate.

Anfang dieses Monats bist Du gestorben. Krebs. Ich wusste nicht, dass Du krank warst und dass es Abschiedsworte waren, die Du mir schriebst. Jetzt lese ich Deine Nachricht mit anderen Augen und mache dem Leben Vorwürfe, dass es mir nicht die Möglichkeit gelassen hat, Dich noch einmal in der Arm zu nehmen.

So oft habe ich an Dich gedacht, mir vorgenommen, mich bei Dir zu melden und Dir aus meinem Leben zu erzählen. Ich wollte so gerne Deinen Mann kennenlernen, weil ich neugierig war, wissen wollte, ob er ihm vielleicht ähnlich ist. Ihn, den wir beide so sehr geliebt haben. Ihn, dessen Taschentuch ich an meinem Rucksack zu Fuß durch halb Spanien getragen habe, um es am Cruz de Ferro zurück zu lassen, in der Hoffnung, ich könnte auch ihn dort zurück lassen.

Davon wollte ich Dir erzählen. Nur wir beide, bei einem Bier, wie früher. Ich wollte Dir erzählen, dass es vielleicht ein Leben ohne ihn gibt, aber es dieses Leben für mich niemals gab. Und ich hätte Dir mein Leben gerne gezeigt. Diese hässliche Stadt in der ich seit Jahren wohne, aber die mittlerweile mein zu Hause ist, der Stadtteil mit seinem schönen Schlosspark, unser kleines Häuschen, die tapfere Frau an meiner Seite, die mit mir gegen die Schwerkraft kämpft, weil sie mich liebt, und das, obwohl der Großteil all meiner verfügbaren Liebe auf ewig von der Vergangenheit verschluckt wird.

Das kann ich nun nicht mehr tun und es kommt regelmäßig zu diesem kurzen Moment, Sekunden nur, in denen mich diese Erkenntnis wie ein Keulenschlag hinterrücks zu Boden knüppelt, mir damit die Luft aus dem Lungen presst und mich vollkommen fassungslos macht. Ein Stein mehr auf meiner Seele und das Gefühl, ihn mit Dir noch ein Stück mehr verloren zu haben.

Ich habe überlegt, zu Deiner Beerdigung zu fahren, aber habe mich dann dagegen entschieden. Du bist längst woanders. Alles was und jeden den ich dort vorgefunden hätte, wollte ich nicht sehen. Von Dir verabschieden kann ich mich überall auf dieser Welt. Irgendwann werde ich wieder zu Fuß Spanien durchqueren und dann nehme ich Dich mit zum Cruz de Ferro.

Ob sich für Dich das erfüllt hat, wonach ich mich seit bald neunzehn Jahren sehne? Irgendwann werde ich es erfahren. Bis dahin kämpfe ich weiter gegen die Schwerkraft, halte die Stellung, gebe nicht auf, versuche die Steine von meiner Seele zu schütteln, wie Staub aus einem alten Tischtuch. Das bin ich Euch schuldig – Dir und ihm.

Jeder Tag ist so verdammt kostbar. Immer wieder die selbe Lektion. Das Leben ist selten fair, aber dafür umso lehrreicher. Doch ich bin ein schlechter Schüler. Was ich heute weiß, habe ich morgen schon wieder vergessen und statt zu leben überlebe ich weiter am Leben vorbei, warte auf den richtige Moment, um ihn am Ende zu verpassen.

Vielleicht aber ist einfach alles eine Frage der Wiederholungen, so wie damals, beim kleinen Einmaleins. Das habe ich schließlich auch gelernt und kann es noch heute.

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Vom Suchen, Finden und Loslassen

So viel Geduld und so viele Bananen. Trotzdem kein Affe. Das mit der Stellenausschreibung brachte ich nicht über mich. Einen wilden Affen kann man nicht so einfach gegen einen anderen wilden Affen ersetzen. Das weiß jeder, dem mal sein wilder Affe abhanden gekommen ist. Also habe ich Bananen in meinen Rucksack gepackt, meine Wanderschuhe angezogen und mich aufgemacht, den wilden Affen zu suchen.

Zuerst bin ich nach Frankreich geflogen. Dort begann ich zu laufen. Ich lief über die Pyrenäen bis nach Spanien, folgte gelben Pfeilen, bewunderte die wunderschöne Natur, traf Schmetterlinge, Eidechsen, Adler, Wildpferde und Schafe, aber keinen Affen. Ich fragte die Schmetterlinge, Eidechsen, Adler, Wildpferde und Schafe, ob sie vielleicht einen wilden Affen gesehen hätten, einen total verrückten Typen, eine Spaßkanone sondergleichen, kaum zu übersehen und auch nicht zu verwechseln. Sie verneinten und sagten, sie sähen Tag ein Tag aus nur Menschen wie mich, mit Rucksack und Wanderschuhen, die auf der Suche nach wilden Affen und ähnlichem Getier seien, aber wilde Affen selbst hätten sie noch nie gesehen.

Ich lief weiter und durchquerte ganz Spanien zu Fuß. Dabei traf ich weitere Schmetterlinge, unzählige Heuschrecken, freche Fliegen, Schnecken und einen Esel, der mir die Zähne zeigte, als ich ihn nach dem Affen fragte. Außerdem traf ich viele andere Menschen mit Rucksack und Wanderschuhen. Manche von ihnen waren laut, andere waren leise. Einer von ihnen war beides. Den behielt ich.

Nach über dreißig Tagen, neunhundert Kilometern, zahlreichen Orten, Betten und Stempeln, sowie mürrischen Füßen, viel Bier und Bananen, erreichte ich das Ende der Welt. Dreimal dürft ihr raten. Auch dort kein wilder Affe. Stattdessen traf ich eine zeitlose Schildkröte.

Die zeitlose Schildkröte war ganz anders als der wilde Affe, aber schien dennoch gut zu mir zu passen. Als meine Reise und somit auch unsere gemeinsame Zeitlosigkeit dem Ende zuging, fragte ich sie, ob sie vielleicht Interesse an der Stelle des wilden Affen hätte. Die Schildkröte sagte, sie habe die nächsten hundert Jahre noch nichts vor und willigte ein. Natürlich war sie nicht auf den Panzer gefallen und handelte erstmal einen ordentlichen Salatzuschlag aus.

Obwohl ich mich auf zu Hause freute, weinte ich ein wenig als wir zum Bus gingen. Die Schildkröte war in Reiselaune und sah entspannt ihrer ersten Erfahrung mit öffentlichen Verkehrsmitteln entgegen. Sie setzte sich auf den Fensterplatz und knabberte unbekümmert an ihrem ersten Salatvorschuß, während der Bus sich langsam in Bewegung setzte.

»Sei nicht traurig. Du kommst wieder. Das tun alle irgendwann.«, sagte sie mit vollem Mund, während sie aus dem Fenster schaute, »Einmal Muschelsucher, immer Muschelsucher!«

Ich wusste, sie würde Recht behalten.