Influenza. Hätte ich eine Tochter, das wäre ihr Name.

Zum Glück für die Menschheit und zum Glück für Influenza, habe ich wissentlich keine Nachkommen in die Welt gesetzt, abgesehen von Lebowski, meinem Nachkommen im Geiste. Ich würde die aktuelle Menschheit und mich auch ungerne auf meinen Nachwuchs loslassen, wenn dieser ehrenhafte Grund auch nicht ausschlaggebend für meine Kinderlosigkeit ist, sondern purer Egoismus. Ich lebe lieber so uneingeschränkt, wie möglich und da sind meine Arbeit und ich mir selbst schon Schranke genug. Da brauche ich nicht noch Kinder. Dem Himmel sei Dank habe ich ich eine Frau, die diesen Egoismus mit mir teilt und an Fortpflanzung nie interessiert war.

Ich komme da übrigens drauf, weil mich tatsächlich eine Influenza heimgesucht hat und Lebowski und ich uns früher immer total bescheuerte Kindernamen ausgedacht haben. Influenza war allerdings nicht dabei. Alter, ich schreib den mal mit auf die Liste ok?

Seit letztem Donnerstag bin ich mittelmäßig hinüber, wobei es mir heute schon deutlich besser geht, und seit gestern weiß ich, dass ich eine Influenza habe, wenn auch eine abgeschwächte Version ohne Fieber und Schüttelfrost. Eine Urlaubsinfluenza quasi. Ausreichend unangenehm, um zu Hause zu bleiben, aber noch ausreichend angenehm, um auch etwas davon mitzubekommen. Für viel mehr als Bett und mediale Berieselung hat es aber auch nicht gereicht. Seit gestern bin ich wieder etwas aktiver, wenn es auch noch nicht fürs Bäumeausreißen oder Bergeversetzen reicht. Die Schmerzen, die ich mittlerweile beim Husten habe, sind echt nicht von schlechten Eltern. Irgendein Muskel hat da wohl was abgekriegt.

Lebowski hat es übrigens auch erwischt und wir streiten uns jetzt regelmäßig, wer es von wem hat. Ich denke allerdings, dass wir uns das Karneval eingefangen haben. Kakoschke und Karneval? Richtig, passt nicht. Karneval ist das erbärmlichste Fest in unserem Kulturkreis, das es gibt. Kein Fest, nichtmal Weihnachten, wurde so entwürdigend seinem Ursprung entrissen, wie Karneval. Deswegen habe ich diesen Kelch die letzten Jahre auch mit Freuden an mir vorüberziehen lassen. Tja, und dieses Jahr, Gott weiß warum, hatten wir zeitgleich Lust, einfach mal wieder am üblichen Tag in die übliche Kneipe zu gehen und zu schauen, welche von unseren ganzen alten Freunden, die wir schon lange nicht mehr gesehen haben, sich dort noch einfinden. Waren natürlich fast alle da, fast alle und Influenza, die blöde Schlampe.

Wo gedeiht so eine Seuche zu dieser Jahreszeit denn besser, als in einer feuchtwarmen, vollgestopften Kneipe, wo sich irgendwann alle furchtbar lieb haben, um es mal dezent auszudrücken, und mit ihren ungewaschenen Fingern um sich tatschen, während sie ihre verschwitzen Leiber teils gewollt, teils ungewollt aneinanderreiben, einem bei dem Versuch gegen die schlechteste Musikrichtung des ganzen Universums anzukommunizieren, regelrecht ins Gesicht kriechen und dabei gefühlt mehrere Liter Speichel zukommen lassen. Vom Zustand der sanitären Anlagen an so einem Abend wollen wir gar nicht erst sprechen. Wäre ich eine Influenza, das wäre mein absoluter Garten Eden. Da musst du dich als Influenza einfach nur mit einem Getränk lässig in die Ecke stellen und zusehen, wie all diese irrsinnigen Menschen deine Arbeit machen.

Lebowski lässt übrigens grüßen. Den hat es etwas schlimmer erwischt. Sein Hirn sei überwiegend Matsch und er könne seine Gliederschmerzen bis in die Fingerspitzen spüren. Ich denke ja, er will mit seiner Influenza einfach nur ungestört alleine sein, der alte Schwerenöter.

Aber jetzt Spaß bei Seite. Karneval ist längst vorbei und kommt hoffentlich nie wieder. Ich habe zwei meiner Grundsätze verraten, die ich selbst vor Urzeiten auf dem Berg Sinai, während einer stürmischen Gewitternacht, nass bis auf die Knochen, im Schweiße meines Angesichts, nur mit meinen Fingernägeln in Stein geschabt habe.

Du sollst keine Karnevalsmusik mitsingen.
Du sollst dich nicht in eine Polonäse einreihen.

Beides habe ich gebrochen und letztendlich meiner Selbstachtung die Beine, denn irgendwann sind mir wohl die Löcher aus dem Käse geflogen und ich habe mich nicht nur in eine Polonäse eingereiht, sondern: EINE SCHEIßPOLONÄSE ANGEFANGEN! Dafür hätte ich eigentlich eine Influenza auf Lebenszeit verdient und gehe deswegen jetzt auch wieder brav in mein nächtlich durchgeschwitztes Büßerbettchen, um mir irgendeinen schlechten Film anzusehen. Vielleicht irgendwas mit Zombieapokalypse oder so. Ja, Zombieapokalypse ist gut. Das passt zur Influenza und ist ein bißchen wie das letzte Karneval auf diesem Planeten. Nur lustiger, weniger eklig und mit besserer Musik.

Konfetti.

19 – Memento

Vor meinem eignen Tod ist mir nicht bang,
Nur vor dem Tode derer, die mir nah sind.
Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?

Allein im Nebel tast ich todentlang
Und laß mich willig in das Dunkel treiben.
Das Gehen schmerzt nicht halb so wie das Bleiben.

Der weiß es wohl, dem gleiches widerfuhr;
– Und die es trugen, mögen mir vergeben.
Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur,
Doch mit dem Tod der andern muß man leben.

Mascha Kaleko

That’s the way, aha, aha…

Gut, dann will ich mein Werk mal beginnen und die Leiden des jungen Kakoschke verfassen. Er hat es ja nicht anders gewollt und ihr und ich scheinbar auch nicht, denn sonst wären wir ja alle nicht hier. Trara, tätä und so weiter. Ich bin mir zwar noch nicht hundertprozentig sicher, ob ich das hier so wirklich will, denn vermutlich komme ich dabei auch nicht sonderlich glanzvoll weg. Andererseits habe ich den Anfang bereits gemacht und werde mich jetzt auch nicht drücken. Also los…

Rocko Kakoschke wurde in den siebziger Jahren in einem Dorf geboren, welches so klein war, dass es weder ein eigenes Ortsschild, noch eine eigene Kirche besaß. Dafür gab es eine Kneipe, das Querschlag. Hier traf sich alles, was weder Rang noch Namen hatte – also fast jeder. Das Querschlag war sozusagen das Herz des Ortes, wenn es dort auch nicht immer herzlich zuging.

Es gab drei Nachnamen, die den Ort maßgeblich dominierten, was im Laufe mehrere Generationen dazu führte, dass es an Sonderlingen nicht mangelte, wenn ihr versteht, was ich meine. Die Gegend war damals noch bekannt für die Förderung von Steinkohle und an manchen Tagen, so schien es zumindest, fand mehr Leben unter Tage statt, als über der Erde. Dann gehörte das Dorf den Frauen und den Alten, aber vor allem uns Kindern.

Da Rocko auch nicht gerade der Norm entsprach, fiel er mir anfangs nicht auf. Unsere Familie war ebenso zugezogen, wie seine, aber nicht diese Gemeinsamkeit, sondern die Zuneigung zu der pummeligen Greta mit dem leichten Silberblick brachte uns zusammen, nachdem sie uns anfangs gegeneinander aufbrachte, weil wir uns nicht einig wurden, wem von uns sie die schönen Augen machte. Irgendwie sah es immer ein wenig so aus, als würde sie links an einem vorbeisehen, wenn sie mit einem sprach.

Die pummelige Greta mit dem Silberblick war zwei Klassen über uns und uns, betreffend des körperlichen und geistigen Wachstums, deutlich überlegen. Dennoch, jeder von uns beiden war überzeugt davon, der Auserwählte zu sein, derjenige, der irgendwann ran durfte, wenn wir uns auch noch nicht ganz im Klaren darüber waren, was Randürfen im Einzelnen beinhaltete. Der große Johannes mit dem Hinkefuß hatte da so gewisse Zeitschriften von seinem Vater… sagen wir mal… geliehen. Sein Vater war übrigens Bauer Brahms und neben dem Bürgermeister Uhlig die wohlhabendste Person im Ort. Naja, jedenfalls waren diese Zeitschriften sehr aufschlußreich, aber auch ebenso verwirrend. Meine Vorbereitungen fanden meistens vor dem Schlafengehen unter der Bettdecke statt, manchmal auch, wenn ich schon schlief, was mich noch mehr verwirrte, weil ich keinen Einfluss darauf hatte und nicht von der pummeligen Greta träumte, sondern von Fräulein Peters, unserer Lehrerin für den heimatkundlichen Deutschunterricht.

Rocko dagegen schien sich keine Platte zu machen. „Der Bessere möge gewinnen!“, sagte er. Wir rotzten uns in die Hand und schlugen ein, jeder für sich überzeugt, als Sieger aus diesem Duell hervorzugehen, platzend vor mit Überlegenheit überspielter Unsicherheit und einem Hauch von Mitleid für sein Gegenüber. Wir legten uns mächtig ins Zeug, um der pummeligen Greta zu gefallen, aber relativ bald nahm das Ganze ein dramatisches Ende. Wir beobachteten Greta dabei, wie sie heimlich, dachte sie zumindest, hinter dem Kuhstall von Bauer Brahms, am kleinen Johannes vom großen Johannes mit dem Hinkefuß herumleckte. Das Bild und das schmatzende Geräusch verfolgten mich noch lange in meinen Träumen, was den selben Effekt hatte, wie von Fräulein Peters zu träumen, allerdings weitaus verstörender war.

Das war der Beginn unserer bis heute andauernden Freundschaft. Wir fühlten uns von der pummeligen Greta mit dem Silberblick betrogen und ertranken unseren ersten Liebeskummer gemeinsam in einem verstaubten Einmachglas mit vergorenen Pflaumen, die Rocko aus dem Keller des leerstehenden und verfallenen Nachbarhauses gerettet hatte. Wir verkrochen uns damit im halb zugewachsenen Schuppen selbigen Hauses, teilten unseren Schatz wie Brüder, wichsten danach um die Wette, bis der Wundschmerz einsetzte und stellten uns dabei vor, wie Greta mit uns machte, was sie mit dem großen Johannes getan hatte. Wir fühlten uns verdammt männlich. Den gewaltigen Dünnschiss und die Bauchkrämpfe noch am selben Abend wird wohl keiner von uns beiden jemals vergessen. Da war es dann schlagartig vorbei mit der Männlichkeit.

Die Rosette brannte, der Pimmel beim Pinkeln auch, und wir haben geheult, wie die kleinen Kinder, an denen wir wesentlich näher dran waren, als an den Männern für die wir uns wenige Stunden zuvor noch gehalten hatten.