Der Typ

Ich war damals elf und da war dieser Typ mit der Boa im Keller. Er hatte irgendwie keinen richtigen Namen, jedenfalls nicht für uns Kinder. Wir nannten ihn einfach der Typ, weil es einfacher war und weil wir uns verdammt lässig und verwegen vorkamen, wenn wir einfach nur der Typ sagten.

Der Typ war irgendwie schon immer da, wirkte leicht angeschmuddelt und roch wie Wäsche, die man zu feucht in den Kleiderschrank getan hatte und die stockig geworden war. Ich stellte mir vor, dass es gar nicht an den Klamotten lag, die er trug, sondern an ihm selbst und malte mir aus, dass er sich nach dem Baden statt ins Bett oder aufs Sofa nass in den Kleiderschrank legte zum Schlafen. Den Gedanken fand ich irgendwie ganz prima, auch wenn ich wusste, dass ich mir das nur ausgedacht hatte und er nur in meinem Kopf in einem Kleiderschrank schlief und nicht wirklich.

Er hatte die Wohnung über uns, aber lebte mehr in dem zur Wohnung gehörenden Kellerverschlag, der sich schräg gegenüber unseres Verschlages befand. Dass er mehr im Keller war, als in seiner Wohnung, wusste ich, weil ich ihm mindestens dreimal am Tag begegnete. Morgens, wenn ich zur Schule rannte und er in den Keller ging – ich rannte immer, weil ich immer zu spät dran war – abends, wenn ich mit unserem fetten Dackel Rödel – eigentlich Rolf – nochmal vor die Tür musste und er aus dem Keller kam und dazwischen, wenn Mutti mich in den Keller schickte, um Eingemachtes oder Kartoffeln hoch zu holen. Dann saß er meinstens in seinem Kellerverschlag, den Rücken zu den vernagelten Sperrholzbrettern, die eine Tür miemten, aber den Keller eher aussehen ließen, wie einen überirdischgroßen Karnickelstall, und machte einen beschäftigten Eindruck.

Er nickte bei jeder Begegnung immer ausdruckslos, sagte aber nie etwas. Selbst im Keller, schielte er über seine linke Schulter hinweg durch die Sperrholzbretter, warf mir einen kaum merklichen Blick zu, wenn er mich hörte und nickte. Es hatte etwas von Verschwörung, als teilten er und ich ein Geheimnis, etwas von dem nur wir beide wussten und das seinerseits mit einem verschwörerischen Nicken regelmäßig besiegelt wurde. Allerdings machte er es auch bei anderen Leuten und wahrscheinlich hatte in all den Jahren niemand ein einziges Mal seine Stimme gehört.

Ich fragte mich manchmal, wie er wohl beim Bäcker Brötchen holte oder Telefongespräche führte und stellte mir vor, dass ich ein Bildtelefon besaß – so eines wie in Agentenfilmen, worüber die Agenten immer Aufträge erhalten von jemanden, dessen Kopf im Fernsehen nie zu sehen ist. Mit so einem Ding könnte ich ihn dann anrufen und er könnte nicken, so wie er es immer tat. So ein Bildtelefon wäre schon eine tolle Sache gewesen, aber ich beschloß, dass das eine meiner blödesten Fantasien war, denn ich hätte ihn nie angerufen, auch nicht mit Bildtelefon.

Mutti sagte immer, dass sie dem nicht im Dunkeln begegnen wolle und ich solle auf mich acht geben und nicht mit ihm mitgehen, wenn er mich anspräche. Ich sah da allerdings keine Gefahr, denn er sprach ja nie. Er nickt nur, er lief die Treppen runter und rauf und er saß in seinem Keller und tat irgendetwas und nickte.

Vati sagte, er repariere dort alte Radios und Fernseher und verdiene sich so seinen Lebensunterhalt. Woher Vati das wusste, weiß ich nicht, aber ich hatte ihn auch nie gefragt. Möglicherweise war es nur eine Vermutung, die ich, so oft ich den Typen im Keller schon gesehen hatte, nicht hätte bestätigen können, da er immer so saß, dass ich nichts erkennen konnte – abgesehen von seinem angedeuteten Nicken. Und wenn er nicht dort saß, was sehr selten vorkam, war sein Keller von innen mit einem speckigen Segeltuch verhangen, so dass sich nichts in Erfahrung bringen lies.

© Antje Münch-Lieblang

Fortsetzung folgt … vielleicht eines schönen Tages!

„Evamaria – Du kannst aber auch Evi sagen“

Ich war sieben oder acht, als ich sie kennen lernte. Evi wohnte damals, zusammen mit ihrer Mutter, direkt neben meiner besten Freundin, die heute meine Schwester ist, aber das ist eine andere Geschichte. Bevor ich Evi kennen lernte, lernte ich allerdings erstmal Evis Nichte kennen, die aus Lüneburg kam und zu Besuch bei ihrer Tante war.

Ich weiß nicht mehr, welche Jahreszeit wir damals hatten, aber es war sonnig und warm und wir verbrachten den ganzen Tag im Garten, spielten Verstecken und was man in diesem Alter eben sonst so spielt. Am späten Nachmittag kam Evi, stellte sich mir als „Evamaria – Du kannst aber auch Evi sagen“ vor und spielte mit uns Fangen. Sie muss damals schon Mitte oder Ende Vierzig gewesen sein und ich war fasziniert von ihr. Eine erwachsene Frau, die sich auf die Ebene eines Kindes begeben konnte – das kannte ich bis dato nicht.

Nach diesem Nachmittag besuchte ich Evi auch weiterhin. So begann unsere Freundschaft und es war eine Freundschaft, trotz dieses großen Altersunterschiedes. Vielleicht lag es daran, dass ich schon in jungen Jahren viel gesehen hatte und ihr dagegen immer noch eine gewisse kindliche Unbeschwertheit anhaftete. Wir trafen uns irgendwo auf der Mitte. Evi nahm mich ernst, behandelte mich nicht wie ein Kind, vergaß dabei aber auch nicht, dass ich eines war. Sie ließ mich einfach sein und unterstütze mich beim Werden.

Ich grub ihren Garten um, half ihr beim Tapezieren und sie zeigte mir, wie man richtig schwarzen Tee trinkt und wie man richtig den Tisch deckt – „der Teelöffel kommt rechts neben die Tasse auf den Unterteller“. Sie war immer für mich da und das änderte sich auch nicht, als ich älter wurde. In ihrem Wohnzimmer klangen viele meiner Partynächte aus. Kam ich nachts aus der Stadt und sah bei ihr noch Licht, musste ich keine Scheu haben zu klingeln. Wir philosophierten über das Leben und niemand kannte und verstand die Geschichte um meine erste große Liebe so wie sie – all die Jahre. Niemand konnte so faszinierend aus dem Leben erzählen, wie sie.

Sie war es, die mir zu meinem achtzehnten Geburtstag ein Gedicht schrieb und es vor allen Gästen vortrug. Sie war es, die mir kurz nach Erhalt meines Führerscheins ihren Scirocco lieh und mir nicht den Kopf abriss, als ich ihn verbeult wieder brachte. Sie war es, die mit mir eine Reise nach Dresden, Berlin und Potsdam machte und vertrauensvoll neben mir auf dem Beifahrersitz schlief, obwohl ich den Scirocco verbeult hatte. Sie war es, die mich in meinem kleinen Einzimmerappartement in Köln besuchte und sich von mir ein Wochenende mein neues Leben zeigen ließ.

Sie war es, die den Löwenanteil dazu beigetragen hat, dass ich der Mensch werden durfte, der ich jetzt bin. Bei ihr kamen meine Finger zum ersten mal in Berührung mit einem Klavier und mein Geist mit den wesentlichen Dingen des Lebens. Lyrik, Literatur, Musik und Bedingungslosigkeit. Nur für Politik konnte sie mich nie begeistern, wenn sie es auch immer wieder versuchte. Dafür begeisterte sie mich umso mehr für halbtrockenen Sherry, den ich auch heute noch sehr gerne trinke. Oft denke ich dabei an Evi und an die vielen Nächte, die wir uns mit Gott, der Welt und Herrn Sandeman um die Ohren geschlagen haben.

Durch mein Leben in Köln wurde der Kontakt weniger, brach sogar fast gänzlich ab, und als ich vor bald drei Jahren wieder zurück nach Arnsberg kam, stand Evi kurz davor in eine Seniorenresidenz nach Lüneburg zu ziehen. Ich schob den Abschied ewig vor mir her, weil ich mich nicht mit der Tatsache auseinander setzen wollte, dass sie nun nicht mehr da sein würde, so wie sie es immer war und dass ich nie wieder mitten in der Nacht bei ihr würde klingeln können. Zwei Tage vor ihrem Umzug besuchte ich sie.

Der Abschied war kurz. Ich wollte ihr so viel sagen, aber mein Mund konnte die Worte nicht frei geben. Evi gab mir ihre neue Adresse und ich versprach ihr zu schreiben, aber habe es bis heute nicht getan. Heute werde ich es tun und ihr sagen, dass ich jedes Mal, aber auch wirklich jedes Mal beim Decken eines Kaffeetisches an sie denken muss – sobald ich den ersten Teelöffel rechts neben die Tasse auf den Unterteller lege.

© Antje Münch-Lieblang

Literarische Jugendsünden

Als ich noch jung und unvernünftig war, wollte ich unbedingt Schriftstellerin werden. Jetzt bin ich nicht mehr ganz so jung und auch nicht mehr ganz so unvernünftig, aber dennoch unvernünftig genug, um immer noch davon zu träumen, dass irgendjemand bereit sein könnte, für mein persönliches Gedankengut zu zahlen. Nicht weiter bedenklich, mag man jetzt denken. Sehr bedenklich allerdings, wenn man folgendes Werk kennt, welches ich soeben aus den Untiefen meiner Festplatte gezogen habe. Ein Werk aus längst vergangenen und relativ niveaulosen Tagen, welche geprägt waren von großstadtlebiger Freiheit, grenzenloser Kreativität und dem Was-kostet-die-Welt?-Gefühl gepaart mit übermäßigen Alkoholkonsum. Zieht es Euch rein Leute, aber erzählt mir hinterher nicht, Ihr hättet die unterschwelligen Warnungen nicht bemerkt!

*

Es war wieder einer dieser Tage, die im Leben einer Käsefrau unvergesslich bleiben
Schon als ich aufstand und meine Pantoffeln nicht fand, wusste ich – es liegt etwas in der Luft. Es musste dieser unübertreffliche Geruch nach ranzigem Maigouda meiner unpantoffelten Füße gewesen sein, der mich mit Schrecken und knurrendem Magen daran erinnerte, dass ich noch nicht gefrühstückt hatte. Wie denn auch, ich war ja gerade erst aufgestanden.
Ich warf einen kontrollierenden Blick aus dem Panoramafenster meines Apartments im zehnten Stock. Alle meine Fans waren endlich verschwunden, die schon seit Wochen am Fuße meines Penthouses gecampt hatten und dort ständig im Kreis marschiert sind, mit Plakaten und Spruchbändern auf denen stand: Käse essen ist Käse!, Freiheit dem Käse! Und Gesetze gegen Käseesser! Jedes Mal, wenn ich ans Fenster trat, riefen sie: Zieh endlich aus, du Käseschänder! Also zog ich mich aus und dann bewarfen sie mich jedes Mal mit ganzen Schweinerippchen. Die Groupies sind heutzutage auch nicht mehr das, was sie mal waren.
Die Luft war also wieder rein, jedenfalls außerhalb meiner siebenundzwanzig Quadratmeter. Auf dem Weg zum Kühlschrank stolperte ich über drei Flaschen Kölsch und landete mit dem linken Fuß in einer verfaulten, kalten Pizza vom letzten Wochenende. Waren es etwa doch nicht meine Füße, die diesen herrlichen Geruch nach ranzigem Maigouda durch die Wohnung trugen? Ich machte vor dem Badezimmerspiegel halt und dachte: Mensch, siehst du käsig aus. Der Blick in den Spiegel verriet mir, dass es mal wieder soweit war. Ich öffnete den Toilettendeckel, ließ mir die letzte Nacht noch einmal durch den Kopf gehen und mit einem gehörigen Bierschiss setzte ich noch eins drauf. Jetzt hatte ich wieder Farbe in den Backen… und auch mein Gesicht schien nicht mehr ganz so blass zu sein. Ich setzte meine Brille auf, doch es war die Falsche, denn sie war noch warm.
Der Tag fing schlimm an, aber es sollte noch schlimmer kommen. Als meine große Wanduhr neunmal schlug, schlug ich zurück. Rechts, links, rechts, links und voll auf die Zwölf. Niemand schlägt mich ungestraft. Es war jetzt schon die siebzehnte Wanduhr diesen Monat. So konnte es nicht weiter gehen. Vielleicht sollte ich mich doch langsam mal nach einer etwas moderneren Art der Zeitansage umsehen. Ich warf einen Blick über meine Schulter zu meinem Radiowecker. Langsam wurde es Zeit! Dabei viel mein Blick auf mein Bett. Ich hob meinen Blick wieder auf und sah, dass da noch der Pizzabote von letztem Wochenende lag. Ich fragte mich, ob er diesen Monat überhaupt noch mal aufsteht. Er war ziemlich blau und wurde von Tag zu Tag blauer.
Plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Daher wehte der Wind und nicht von meinen Füßen und der Pizza. Die vermeintlichen Schuppen, welche mir von den Augen fielen, entpuppten sich übrigens als Kontaktlinsen. Blind wie ich war erreichte ich endlich den Kühlschrank. Dort überkam mich das Grauen. Ich vertröstete es auf später und öffnete die quietschende Kühlschranktür. Es gibt Tage, die kennen keine Gnade: Im Kühlschrank war kein Käse! So‘n Käse! Lag es etwa am Wetter oder hätte ich nach drei Monaten mal wieder einkaufen sollen? Vielleicht war es auch die Jahreszeit, denn wie jeder weiß und auch der Name schon sagt, wächst Maigouda nicht im Oktober. Hätte ich auch vorher drauf kommen können.
Und wenn sie wissen wollen, ob Maigouda wirklich nur im Mai wächst oder ob Frau Antje wegen ihrer fehlenden Kontaktlinsen die Kühlschranktür mit der Haustür verwechselt hat oder ob vielleicht das Grauen den Käse gegessen hat und ob der verfärbte Bettgenosse jemals wieder eine Pizza liefern wird, dann schalten sie ein, wenn es wieder heißt: Es war wieder einer dieser Tage, die im Leben einer Käsefrau unvergesslich bleiben.

(c) Antje Münch-Lieblang (1999)