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Die Neujahrsrede: Kampf der Stagnität, Affe hin oder her – der Sack.

The Big Om | (c) Antje Lieblang
The Big Om | (c) Antje Lieblang

Heute habe ich in in alten Texten herumgestöbert und mich gefragt, warum ich sowas nicht mehr hinbekomme. Einfach aus dem Leben erzählen, aus dem Jetzt. Nicht so ein kryptisches Geschwurbel alle halbe Jahre, wie die letzten Male. Qualität statt Quantität ist ja gut und schön, aber das hier ist gerade eher Stagnität.

Ich bin die Königin der Stagnität, auch wenn ich lieber ein König geworden wäre, aber selbst mir ist das hier zu viel des Guten. Die Erde dreht sich schließlich weiter. Allerdings bin ich mir ziemlich sicher, dass sie sich wegen meiner Schwerfälligkeit minimal langsamer dreht, als sie es ohne mich tun würde.

Das neue Jahr ist erst vier Tage jung. Darüber gibt es nun wirklich noch nichts zu erzählen. Meine Frau besucht drei Tage ihren Onkel im wilden Osten. „Koks, Nutten und Schnaps!“, quiekt meine innere Drecksau. Ich weiß nicht, wie das Vieh darauf kommt, denn das haben wir noch nie gemacht, zumindest nicht alles und schon gar nicht gleichzeitig. Viel lieber genieße ich das Alleinsein, die Ruhe im Haus, dass ich tun und lassen kann, was ich will. Natürlich kann ich das immer, aber jetzt tue ich es wesentlich exzessiver und habe nichtmal ein schlechtes Gewissen dabei.

Gestern bin ich zum Beispiel den ganzen Tag in Schlafanzug und Bademantel herumgelaufen. So richtig lebowskimäßig. Ich habe am Schreibtisch gesessen bis ich ab der Hüfte abwärts kein Gefühl mehr hatte und sinnlos am Laptop rumgedaddelt bis mir das Blut regelrecht aus den Augen quoll, gelegentlich unterbrochen von Nahrungsaufnahme und den damit verbundenen Toilettengängen. Hätte ich am Abend nicht die Biotonne vor das Haus rollen müssen, hätte ich das selbige nicht verlassen und die frische Luft des morgendlichen Stoßlüftens wäre die einzige geblieben. Ich bin quasi gerade eben noch einer Hirnschädigung wegen übermäßigem Mangel an Sauerstoff entgangen. Heute das gleiche mit dem gelben Sack. Aber angezogen bin ich zumindest, also so richtig, inklusive sauberer Unterhose. Abwechslung muss schließlich sein. Gestaubsaugt habe ich heute übrigens auch. Doch nicht so stagnatiös, was? Nein, geradezu aktiv für meine momentanen Verhältnisse. Bäms! Da habe ich es der Stagnität aber gegeben.

Das neue Jahr hat also definitiv noch Potenzial, aber ich will es nicht gleich am Anfang überstrapazieren. Das letzte Jahr war wirklich ziemlich aktionsreich. Ich bin endlich meine chronische Magenschleimhautentzündung losgeworden, die sich über zwei Jahre sehr penetrant bemüht hat, mich wieder auf den richtigen Kurs zu bringen. Lange Geschichte, würde hier deutlich den Rahmen sprengen.

Reisefaul waren wir auch nicht gerade. Ein Kurztrip nach London, eine Woche in Dubrovnik und, das Highlight, Trommelwirbel, vier Wochen auf Bali. Verdammt viele Eindrücke, von denen zu viele schon längst wieder verblasst sind. Bali ist allerdings noch recht präsent. Ich weiß jetzt, wie es sich anfühlt, wenn die Erde bebt und die eigene Frau im Straßenverkehr verunfallt und bewußtlos auf selbiger liegt. Erdbeben beängstigend, aber dennoch faszinierend. Bewußtlose Frau liegend auf der Straße, der ab-so-lu-te Albtraum. Beide Erlebnisse haben sich irgendwo im Sonnengeflecht festgezeckt und da werden sie wohl auch noch eine Weile sitzen.

Es lebe die Auslandskrankenversicherung. Leute, schließt eine Auslandskrankenversicherung ab. Wir haben das auch nie für nötig gehalten, trotz der vielen Rumreiserei. Für Bali haben wir es dann gemacht und gut war das.

Bali war trotz alldem toll, trotz der Erdbeben und den damit verbundenen Ängsten, trotz des abartigen Straßenverkehrs in manchen Orten, des Unfalls und den damit verbundenen Unannehmlichkeiten, unbeschreiblich toll sogar – mit seinen wundervollen Ecken und Rundungen, den unglaublich herzlichen Menschen, der faszinierenden Kultur, dem für mich sehr angenehmen Klima, dem leckeren Essen, seiner Vielfältigkeit und unserem Glück im Unglück. Bali hatte im wahrsten Sinn seine Höhen und Tiefen und das nicht nur, weil ich bei Nacht auf einen Vulkan gestiegen bin, um mir den Sonnenaufgang anzusehen oder durch ein Schiffswrack getaucht bin. Die Erdbebenwelle hat einige unsere Pläne vereitelt. Wir wollten ursprünglich die Gilis bereisen und auch noch rüber nach Lombok, aber Lombok hatte es zu diesem Zeitpunkt bereits mehrfach auf den Kopf gedreht. Somit sind wir dann genau in die entgegengesetzte Richtung gefahren, auf der Flucht vor den Naturgewalten und ungewollt auch vor der Polizei, die uns nämlich gesucht hat. Kein angenehmes Gefühl. Sehr kuriose Geschichte, aber auch wieder zu lang, um sie hier weiter auszuführen. Ende gut, alles gut. Das muss reichen.

Der Norden Balis war zwar schön, aber auch langweilig. Für meine Frau mehr als mich, denn ich konnte wenigstens noch ins Wasser gehen, während sie es sich ab Mitte der Reise aufgrund ihrer Verletzungen nur noch ansehen durfte und ihr außer Essen, Lesen und mit dem Taschenmesser am Gipsverband sägen, nicht mehr viel blieb. Da nutzt das Bewusstsein, dass alles hätte schlimmer kommen können, auf die Dauer auch nichts. Verständlich. Überleben ist gut, leben ist besser.

Bali ist für mich noch lange nicht ausgereizt. Ich bin mir gar nicht sicher, ob sich Bali überhaupt ausreizen lässt. Sicher bin ich mir allerdings, dass ich in diesem Leben dort unbedingt nochmal hin muss. Übrigens gibt es dort verdammt viele Affen und es würde mich nicht wundern, wenn mein vermisster wilder Affe dort untergetaucht ist und vorbildlich der Vielweiberei frönt. Der alte Lümmel. Ich würde es ihm gönnen.

So, und wenn Ihr denkt, das war es jetzt… nee, war es noch nicht. Neben dem spektakulären Weltengebummel haben wir nämlich auch noch ein Haus gekauft. Wir sind quasi aus Indonesien gekommen, haben die Koffer ausgepackt, die Klamotten gewaschen und direkt wieder in Umzugskisten eingepackt. Ungünstiger ging es eigentlich kaum, aber da hat das Haus eben keine Rücksicht drauf genommen. Zack, da war es und wir verliebt. Sehr emotionale Tage waren das, denn wir waren ja nicht die Einzigen. Doch schon als ich das Haus in der Anzeige zum ersten Mal sah, wusste ich, dass es unser Haus ist. Als ich zum ersten Mal drin war, fühlte ich, dass dieses Haus unser neues zu Hause sein wird und so kam es dann auch. Der Urlaub stand bereits, das Haus stand schon viel länger. Turbulente Wochen, aber wir haben es hingekriegt.

Wochenlang haben wir renoviert, kaum einen Tag Pause gemacht. Im Nachhinein wundert es mich, das ich nicht irgendwann den Pinsel mit der Zahnbürste verwechselt habe oder im Blaumann zur Arbeit gefahren bin. Es war anstrengend, aber es hat mir auch extrem viel Spaß gemacht. Keine Spur von Stagnität. Fußleisten verlegen, Steckdosen und Lichtschalter austauschen, alles Neuland, aber ich habe es hingekriegt. Der Heimwerkerlöwe in mir wurde geweckt. Ok, die Fußleisten sehen nur auf den ersten Blick richtig gut aus, aber wer guckt da auch zweimal hin, niemand. Knapp einen Monat nach unserem Baliurlaub sind wir umgezogen. Zwei Tage später verstopfte die frisch gefüllte Toilette und der Morgenschiss kam aus den Abflüssen von Dusche und Badewanne wieder zum Vorschein. An einem Sonntag. Für Außenstehende schwer zu glauben, dass ich an diesem Tag richtig Spaß hatte. Na gut, für meine Frau war es auch schwer zu glauben und die war alles andere als außenstehend. Allerdings war sie auch nicht so mittendrin, wie ich es war. Wäre eine schöne Geschichte, würde aber auch wieder den Rahmen sprengen. Zwei Wochen später war dann übrigens die Einweihungsparty. Das soll uns mal einer nachmachen.

Tja, jetzt sind wir tatsächlich Hausbesitzer, so richtig spießig, mit Kirschbaum, Komposthaufen, Schneeschüppen und irgendwelche Tonnen rechtzeitig an die Straße rollen und all so ein Zeug. Kennt man ja. Unser Haus ist übrigens schon über hundert Jahre alt und wenn ein LKW vorbei fährt, wackelt es ein wenig. Und dieses Wackeln fühlt sich tatsächlich haargenau wie der Beginn eines Erdbebens an. Ein leichtes Schaukeln und Vibrieren, eigentlich ein sehr schönes Gefühl, sofern es dabei bleibt. Keine Ahnung, was sich das Haus dabei denkt. Vielleicht möchte es mein Erdbebentrauma heilen, wer weiß das schon. Es ist eben nicht nullachtfünfzehn, etwas krumm und schief, definitiv sehr elastisch und urgemütlich. Wir fühlen uns wohl, auch wenn es dann und wann schaukelt und vibriert. Wer uns zum ersten Mal besucht, wundert sich, weil es nicht so aussieht, als seien wir im Herbst letzten Jahres erst eingezogen. Natürlich gibt es noch hier und da etwas zu tun. Wahrscheinlich wird das auch immer so bleiben. Ein Haus ist eben ein Haus. Aber es macht Freude etwas für das Haus und somit auch für uns zu tun, zu sehen, wie sich Dinge entwickeln und alles noch schöner wird. Wir genießen es.

Das neue Jahr, nun ist es da. Kleiner Reim zum Ende. Meine Erwartungen an das neue Jahr sind nicht besonders groß. Ich möchte wieder etwas mehr auf mich achten, meiner Seele und meinem Körper Gutes tun. Durch die Renovierungsphase habe ich vieles Schleifen lassen und danach irgendwie den Absprung nicht geschafft. Zu viel Bierchen, zu viel Essen, keine Bewegung. Yoga oft geschwänzt. Dies und das und jenes. Der Winter, die dunkle Jahreszeit, tut sein Übriges. Zu viel Glühwein und Lebkuchen gegen die innere Kälte und das Abmagern der Seele. Ich bin wieder leicht vom Kurs abgekommen, innen wie außen. Innen mahnt mich mein Magen bereits ab, außen die viel zu eng anliegenden Kleidungsstücke. Man muss mich nicht mehr fällen, um die Jahresringe zu finden.

In diesem Sinne werde ich mich dieses Jahr wieder als Pilger auf den Jakobsweg begeben. Der Weg ruft, zieht und zerrt an meinem Innersten, wie eine alte Liebe, ohne die man nicht dauerhaft leben kann. Ich muss wieder los! Ursprünglich wollte ich wie beim letzten Mal die gesamten Sommerferien ausreizen, aber habe es mir anders überlegt. Etwas Sommer möchte ich auch im neuen Häuschen verbringen und den schönen Garten genießen. Deswegen wird es eine andere Strecke und ich bin vermutlich im Sommer nur drei Wochen weg.

Ein weiterer Vorsatz ist natürlich auch, hier wieder mehr zu schreiben. Guter Start, würde ich sagen. Heute war das Augenbluten wenigstens nicht vollkommen umsonst. Ich bin stolz auf mich! Ach ja, im Lotto gewinnen möchte ich übrigens auch noch, damit ich mir Stagnität leisten kann, wann, wie lange und wo immer ich möchte. Soviel zu den bisherigen Plänen für Zweitausendneunzehn. Neues Jahr, neues Glück.

Und Ihr so?

Vom Suchen, Finden und Loslassen

Camino-Pfeil | (c) Antje Münch-Lieblang
Camino-Pfeil | (c) Antje Münch-Lieblang

So viel Geduld und so viele Bananen. Trotzdem kein Affe. Das mit der Stellenausschreibung brachte ich nicht über mich. Einen wilden Affen kann man nicht so einfach gegen einen anderen wilden Affen ersetzen. Das weiß jeder, dem mal sein wilder Affe abhanden gekommen ist. Also habe ich Bananen in meinen Rucksack gepackt, meine Wanderschuhe angezogen und mich aufgemacht, den wilden Affen zu suchen.

Zuerst bin ich nach Frankreich geflogen. Dort begann ich zu laufen. Ich lief über die Pyrenäen bis nach Spanien, folgte gelben Pfeilen, bewunderte die wunderschöne Natur, traf Schmetterlinge, Eidechsen, Adler, Wildpferde und Schafe, aber keinen Affen. Ich fragte die Schmetterlinge, Eidechsen, Adler, Wildpferde und Schafe, ob sie vielleicht einen wilden Affen gesehen hätten, einen total verrückten Typen, eine Spaßkanone sondergleichen, kaum zu übersehen und auch nicht zu verwechseln. Sie verneinten und sagten, sie sähen Tag ein Tag aus nur Menschen wie mich, mit Rucksack und Wanderschuhen, die auf der Suche nach wilden Affen und ähnlichem Getier seien, aber wilde Affen selbst hätten sie noch nie gesehen.

Ich lief weiter und durchquerte ganz Spanien zu Fuß. Dabei traf ich weitere Schmetterlinge, unzählige Heuschrecken, freche Fliegen, Schnecken und einen Esel, der mir die Zähne zeigte, als ich ihn nach dem Affen fragte. Außerdem traf ich viele andere Menschen mit Rucksack und Wanderschuhen. Manche von ihnen waren laut, andere waren leise. Einer von ihnen war beides. Den behielt ich.

Nach über dreißig Tagen, neunhundert Kilometern, zahlreichen Orten, Betten und Stempeln, sowie mürrischen Füßen, viel Bier und Bananen, erreichte ich das Ende der Welt. Dreimal dürft ihr raten. Auch dort kein wilder Affe. Stattdessen traf ich eine zeitlose Schildkröte.

Die zeitlose Schildkröte war ganz anders als der wilde Affe, aber schien dennoch gut zu mir zu passen. Als meine Reise und somit auch unsere gemeinsame Zeitlosigkeit dem Ende zuging, fragte ich sie, ob sie vielleicht Interesse an der Stelle des wilden Affen hätte. Die Schildkröte sagte, sie habe die nächsten hundert Jahre noch nichts vor und willigte ein. Natürlich war sie nicht auf den Panzer gefallen und handelte erstmal einen ordentlichen Salatzuschlag aus.

Obwohl ich mich auf zu Hause freute, weinte ich ein wenig als wir zum Bus gingen. Die Schildkröte war in Reiselaune und sah entspannt ihrer ersten Erfahrung mit öffentlichen Verkehrsmitteln entgegen. Sie setzte sich auf den Fensterplatz und knabberte unbekümmert an ihrem ersten Salatvorschuß, während der Bus sich langsam in Bewegung setzte.

»Sei nicht traurig. Du kommst wieder. Das tun alle irgendwann.«, sagte sie mit vollem Mund, während sie aus dem Fenster schaute, »Einmal Muschelsucher, immer Muschelsucher!«

Ich wusste, sie würde Recht behalten.

Ein Nachruf für die Holzwürmer

Unser Garten. Ein Ort der Ruhe und Beschaulichkeit. Unsere kleine Oase, unser Fluchtpunkt aus dem Alltäglichen. Wir lieben unseren Garten. So lange haben wir ihn ja schließlich noch nicht. Allerdings schätze ich, werden wir ihn ewig lieben. Wir sind übrigens umgezogen – nur so nebenbei.

Bei den derzeitigen Temperaturen ist unser Garten nicht nur Fluchtpunkt, sondern eigentlich auch Lebensmittelpunkt. Zumindest die Terrasse. Die Wohnung könnten wir momentan getrost untervermieten, weil wir sie so selten nutzen. Die nutzt nur der Hund. Dem ist es nämlich draußen zu warm, selbst im Schatten. Er ist ja auch nicht mehr der Jüngste.

Stonehenge des Grauens | (c) Antje Münch-Lieblang
Stonehenge des Grauens | (c) Antje Münch-Lieblang

Heute leidet die Idylle in unserem Garten allerdings vehement, denn auf unserer Wiese steht ein selbsterrichtetes Stonehenge des Grauens. Dieses Monument besteht aus schwarzen Müllsäcken, in denen sich, luftdicht verpackt, alte Holzkisten befinden. Diese schönen alten Holzkisten, die sich heute nur noch aufwändig und manchmal nicht ganz billig besorgen lassen und die sich, zu einem Regal zusammengestellt und mit allerlei Kram bestückt, zauberhaft zur Dekoration der Terrasse eignen. Wir hatten Glück. Der Blumenladen an der Ecke schließt. Die Kisten gingen zum Schleuderpreis raus. Mit ihnen leider auch ihre Bewohner.

Holzwürmer.

Nun habe ich gegen Holzwürmer grundsätzlich ja nichts. Ich liebe jegliche Form von Insekt. Nicht nur die, die alle lieben, so wie Marienkäfer und Schmetterlinge. In unserer Wohnzimmerecke hat zum Beispiel eine Spinne seit Wochen Wohnrecht. Mücken, die sich nach Drinnen verfliegen, versuche ich zu fangen, um sie ins Draußen zu befördern. Motten bezeichne ich liebevoll als Schmetterlinge der Nacht. Ich rette Spinnen vor hysterischen Menschen und Ohrenkneifer vor meiner Frau. Selbst Wespen finde ich niedlich, weil sie so pelzige Fühler haben. Obstfliegen puste ich trocken, wenn sie im Begriff sind sich ungewollt im Weinglas zu ertränken. Kleine Fliegen, die im Badewasser landen, ebenso. Funktioniert übrigens nicht mit einem Föhn – auch nur so nebenbei. In unserem Garten hängt ein Insektenhotel und ich freue mich wie ein kleines Kind, wenn ich sehe, dass es bewohnt ist. Sind übrigens noch Zimmer frei, aber dahin wollten die Holzwürmer leider nicht umsiedeln. Deshalb müssen sie jetzt sterben.

Holzwürmer sind übrigens keine echten Würmer, sondern die Larven des gewöhnlichen Nagekäfers. Ihr sollt ja hier auch was lernen. Diese Larven bestehen zu einem großen Teil aus Eiweiß. Und was passiert mit Eiweiß, wenn man es großer Hitze aussetzt? Genau. Ganz genau das. Meine Frau sagt, ich soll mir das nicht vorstellen. Ich stelle es mir trotzdem vor. Wenn ich mir richtig Mühe gebe, kann ich sie sogar schreien hören.

Es hätte übrigens auch eine schönere Alternative gegeben. Eicheln. Holzwürmer lieben Eicheln und wenn man sie in und um das befallene Möbelstück verteilt, ziehen die Holzwürmer einfach um. Dann entsorgt man die Eicheln irgendwo im Wald, alternativ unter der Wohnzimmeranrichte der ungeliebten Schwiegermutter, und fast alle werden glücklich. Leider sind Eicheln in dieser Jahreszeit eher Mangelware und bis zum Herbst hätten die gefrässigen Biester unsere schönen Kisten vollends zu Sägemehl verarbeitet.

Wir hatten eine Wahl und wir haben sie getroffen. Alles was ich jetzt noch tun kann, ist den Holzwürmern diesen Blogeintrag zu widmen. Das macht sie zwar nicht mehr lebendig, aber zumindest ein Stück weit unvergessen.

Heute ist übrigens der Tag, an dem ich vor vier Jahren meine Frau kennen gelernt habe. Nächstes Jahr wird es dann der Tag sein, an dem ich vor fünf Jahren meine Frau kennen gelernt habe und an dem wir vor einem Jahr die Holzwürmer in die Hölle schickten. Das Leben ist schon seltsam.

Ene, mene, miste, es rappelt in der Kiste

Moustique | (c) Antje Münch-Lieblang
Moustique | (c) Antje Münch-Lieblang

„SCHREIB!“, schreit es in mir. – „WAS?“, schreie ich zurück. Natürlich schreie ich das nur in mich hinein, um niemandem die Chance zu geben mit fragendem Blick an meiner montagsgewählten Unsichtbarkeit zu kratzen. Dass die Wörter Montag und müde den selben Anfangsbuchstaben haben kann kein Zufall sein.

„SCHREIB!“, schreit es wieder, aber ich ignoriere es und lasse mich stattdessen dazu anstiften einer Bärenhandpuppe, möglicherweise ist es auch ein Hund, aber was spielt das schon für eine Rolle, mit blondierten Haaren und französischem Namen das Fell über die Ohren zu ziehen, wobei es das nicht ganz trifft, denn nebst Beinen und Augen gucken auch die Ohren noch aus seinem umgekrempelten Rumpf heraus und es sieht ein wenig so aus, als sei er sich selbst in den Arsch gekrochen.

Sich selbst in der Arsch kriechen können – dieser Gedanke lässt Bilder in meinem Kopf entstehen. Das wäre dann gewissermaßen die neue Vogelstraußtechnik – statt Kopf in den Sand, Kopf in der Arsch. Das sieht vielleicht seltsam aus, ist aber viel praktischer, weil man Sand nämlich erstmal finden muss, wogegen man ein Hinterteil immer dabei hat. Außerdem ist man auf diese Weise wesentlich flexibler, wenn man auch nicht mehr sieht, wo man hinläuft. Also mehr zu empfehlen für die eigene Wohnung oder weitläufige Grünanlagen und nicht für vielbefahrene Straßen oder Bahnhöfe. Vielleicht nicht optimal, aber zumindest bekämen die Redewendungen in sich gehen und aus sich heraus kommen eine vollkommen neue Bedeutung.

„Irgendwie dachte ich mehr an etwas … na wie soll ich sagen … mehr an etwas … Feinsinninges. Ja genau, an etwas Feinsinniges, wie zum Beispiel ein Gedicht. Ein Liebesgedicht.“, quatscht es auf einmal von innen, aber ich höre nicht wirklich zu, weil ich damit beschäftigt bin unschuldig zu gucken, damit die soeben entdeckte Schändung des Stoffbären nicht mit mir in Verbindung gebracht wird.

„Jetzt schreib doch mal was Sinnvolles!“, klingt es vorwurfsvoll hinter meiner Stirn und während der Bärenhund wieder von links auf rechts gedreht wird, denke ich darüber nach, mal kurz in mich zu gehen und nach dem Rechten zu sehen, lasse es dann aber doch bleiben, weil ich genau weiß, dass es mir dann niemals wieder gelingen wird, mich unsichtbar zu machen.

Noch fünf Minuten bis zum Feierabend.

Was lange währt …

Ich hatte es mir gewünscht oder ich könnte auch sagen, ich habe es bestellt. Grün sollte es sein, mit diesem typischen Stoff, mit dunklem Holz und diesen Schnörkeln an den Armlehnen, so ein typisches Omasofa eben. Das alte Kunstledersofa aus meiner Wohnung ging mir schon lange auf die Nerven, weil es so abgessen war, dass sich das Kunstleder bereits verabschiedet hatte.

Es war letztes Jahr an einem Sonntag, mitten im Winter. Ich kam gerade von einem Lehrgang nach Hause, fuhr mit dem Auto durch die Stadt und da stand es. Es dauerte etwas, bis das Gesehene auch meinen Denkapparat erreichte und so fuhr ich erstmal weiter, um dann irgendwann zu drehen und mir das gute Stück genauer anzusehen. Das Sofa war Bestandteil eines großes Sperrmüllhaufens und sah auf den ersten Blick gar nicht so übel aus. Auch der zweite Blick brachte kein anderes Ergebnis. Das Ding war, abgesehen von der ein oder anderen Schramme im Holz, vollkommen unversehrt. Die Federung war vollkommen in Ordnung, der Bezug auch, es hatte nichtmal Flecken. Noch besser: Ein ebenso gut erhaltener passender Sesseln stand daneben.

Dieses Ding schien nur für mich dort zu stehen und es war orginal so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Leider war es weitaus länger, als mein fahrbarer Untersatz. Was nun? Ich konnte diesen Traum von einem Sofa nicht dem Sperrmüll überlassen und wenn ich bei der Eiseskälte darauf hätte übernachten müssen. Da fiel mir nur ein guter Freund ein, denn ich auch direkt anrief. Ich so: «Duuuhu, da steht ein Sofa auf der Straße.» Er so: «Jaaaha, sollen wir’s holen?» Kurze Zeit später war er da.

Wir stopften Sofa, samt Sessel in seinen Transporter und fuhren im Schneckentempo durch die Stadt, ich hinterher, weil das gute Stück selbst aus seinem Wagen noch zu einem Drittel heraus hing. Da aus meiner Wohnung erstmal das alte Sofa verschwinden musste und der Wechsel der Sitzmöbel doch ein wenig geplant werden musste, brachten wir die Ladung erstmal bei ihm unter. Nachdem wir das scheißschwere Teil die Treppen hochgewuchtet hatten, ließ er erste Zweifel verlauten, ob es überhaupt durch meinen engen Hausflur den Weg in meine Wohnung finden würde, vorallem die Stelle vor meiner Wohnungtür, wo die Kombination aus Treppengeländer und Dachschräge wenig Spielraum für ausufernde Möbeltransporte ließ, stellte er in Frage.

Davon wollte ich nichts hören. Das hatte zu passen. Schließlich rangierte dieses Sofa in meinen persönlichen Charts der perfekt erfülltesten Wünsche auf dem dritten Platz. Es musste also passen. Dass ich bei meiner Bestellung ins Blaue damals besser mal Maße angegeben hätte, kam mir zu dem Zeitpunkt noch nicht in den Sinn.

Bis zum Frühjahr lagerte mein geliebtes Sofa also erstmal fremd, bis dann der Tag kam, an dem es den Platz des kunstlederfreien Kunstledersofas einnehmen sollte. Das alte Sofa war so ein Eckteil bestehend aus zwei zusammensetzbaren Stücken. Jedes dieser Stücke war einzelnd wesentlich kleiner, als der gigantische grüne Viersitzer, auf dem ich mich in meiner optimistischen Fanatsie schon gemütlich liegen sah. Jedes dieser Stücke wurde in einem Anfall von cholerischem Ausfall meines Freundes in seine Bestandteile zerlegt, weil es im Ganzen nicht die böse bereits erwähnte Stelle vor meiner Haustür passieren wollte. Doch ich war immer noch in dem festen Glauben, dass das ’neue‘ Sofa ganz bestimmt durch die Tür geht. Ging es natürlich nicht, was jetzt sicher niemand erwartet hat.

Nachdem alle Beteiligten leicht entnervt das Handtuch warfen, blieb das Sofa auf der Treppe liegen und das Vorhaben wurde vertagt. Ich versprach mir mehr Erfolg, nachdem ich die Armlehnen und die Füße abgeschraubt hatte. Doch auch der zweite Anlauf schlug fehl. Das Sofa endete einen Treppenabsatz tiefer und blieb über Monate ein hochkantes Mahnmal eines wiedermal fehlerhaft ausgefüllten, imaginären Bestellscheins. Mir war klar, wo der Fehler lag, aber das sollte es jetzt gewesen sein? Dieses ganze Theater, der Einsatz, die Kraft, das Gefühl, als es so einfach vor mir Stand, als habe es sich direkt aus meinem Kopf in die Realität hineinmatrealisiert. Ich tröstete mich mit dem Sessel, aber ein Trost ist eben nur ein Trost und kein Ersatz.

Vielleicht geht’s ja über den Balkon … oder ich baue es einfach auseinander und im Wohnzimmer wieder zusammen. Oder ich warte einfach bis zum Sommer, wenn das Dach gedeckt wird und ich ein neues Wohnzimmerfenster bekomme. Klar, Antje … über das Dach … du könntest das Sofa auch ebensogut anstarren und versuchen, es alleine durch die Kraft deiner Gedanken verschwinden zu lassen, um es in deinem Wohnzimmer wieder auftauchen zu lassen. Ich dachte sogar kurzzeitig darüber nach, mir ein Wohnung passend zum Sofa zu suchen. Egal wie, ich wollte dieses Ding.

Es wurde Sommer, ich ging immer noch mehrfach täglich an dem Sofa vorbei, streichelte es hin und wieder oder lehnte mich dagegen und stellt mir vor, darauf zu sitzen oder zu liegen. Langsam versuchte ich mich an den Gedanken zu gewöhnen, dass wohl doch alles ein Irrtum war und dass ich dieses Sofa wohl aufgeben musste, auch wenn sich alles in mir dagegen wehrte. Ich gebe so ungerne Dinge auf, die mir am Herzen liegen, vorallem nicht, wenn sie mir vom Leben auf dem Silbertablett serviert werden.

Vor drei Wochen ging es dann los mit dem Dachdecken. Meine Fenster wurden erstmal durch schwarze Folie ersetzt und nicht nur in meiner Wohnung wurde es dunkel. Auch mein Gemütszustand verfinsterte sich zusehends. Letzten Samstag bekam ich dann wenigstens mein Küchen- und mein Flurfenster wieder. Dienstag sollte dann das Wohnzimmerfenster kommen. Der Gedanke, das Sofa vielleicht doch über das Dach in meine vier Wände zu schaffen, keimte noch einmal in mir auf. Doch Dienstag erschienen die Dachdecker nicht, gestern auch nicht. Heute morgen rief mich dann meine Vermieterin im Büro an, um mir zu sagen, dass die Dachdecker gerade dabei sind, mein Sofa auf das Dach zu fahren.

Die Lehnen und die Füße sind bereits wieder da, wo sie hingehören und das Sofa ist jetzt auch da, wo es hin sollte. Was zusammen gehört, kommt eben doch irgendwann zusammen. Mir ist klar, dass mich dieses Sofa spätestens bei meinem Auszug vor die nächste Herausforderung stellen wird, denn heile wird es diese Wohnung nicht mehr verlassen, aber darüber mache ich mir heute keine Gedanken. Heute denke ich nur noch daran, auf diesem Sofa vor dem Fernseher einzuschlafen und mich beim Erwachen zu freuen, dass ich wieder ein Fenster in meinem Wohnzimmer habe, durch das ich den Himmel sehen kann und dass mir nicht alles weh tut, weil ich nicht verdreht auf dem Sessel eingepennt bin.

Diesen Beitrag schrieb ich bereits im Sommer 2011 und wollte vor der Veröffentlichung noch ein passendes Foto machen. Vom Wollen zum Vergessen war es allerdings nur ein kurzer Weg. Letzten Sommer wurde das Sofa dann wieder zum Thema. Noch in Arnsberg in seine Einzelteile zerlegt, zog es mit um und fand schließlich sein Ende beim Sperrmüll auf einer Straße in Rheydt-Mülfort.

Ein Foto von dem guten Stück in seiner vollen Schönheit hat es somit leider nie gegeben und irgendwie passt das zu der ganzen Geschichte. Was bleibt, ist die Erinnerung. Das folgende Foto entstand während der Auszugsphase und zeigt das Sofa bereits wartend auf den Abtransport. Zerlegt und umgedreht, die Lehne umfunktioniert zur Sitzfläche.

Das Sofa | (c) Antje Münch-Lieblang
Das Sofa | (c) Antje Münch-Lieblang

Ein trauriges Ende muss ich sagen, nach nur einem Jahr gemeinsamen Lebens, und ich würde lügen, wenn ich sage, dass mich die Trennung nicht geschmerzt hat, nach allem was wir Zwei so durch hatten. Doch was ist schon der umzugsbedingte Verlust eines Möbelstückes, wenn der Gewinn dafür der Mensch ist mit dem ich den Rest meines Lebens verbringen möchte? Ein Hauch von Nichts! Mal abgesehen davon, musste ja schließlich nicht nur ich Opfer bringen.

Ruhe in Frieden mein geliebtes Sofa, wie ich viele Nächte in Frieden auf dir geruht habe!